Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

Wenn aus Nazis Freiheitskämpfer werden

Geschichtsrevisionismus in Europa verharmlost Nationalsozialismus und schürt Antikommunismus - Artikel von Markus Drescher in "Neues Deutschland" vom 30.11.07

29.11.2007

Neofaschismus, Antikommunismus und die Verharmlosung des Nationalsozialismus sind in Europa weiter auf dem Vormarsch. Im Berliner Europahaus diskutierten diese Woche auf Einladung von Sahra Wagenknecht (LINKE) Vertreter aus Politik und Wissenschaft über das Erstarken rechter Bewegungen und Geschichtsrevisionismus.

»Hans Filbinger war kein Nationalsozialist.« Nachdem der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger im April dieses Jahres diesen Satz gesagt hatte, wurde ihm öffentlich widersprochen. Zu offensichtlich und plump war die Geschichtsfälschung. Oettingers Äußerung ist Beleg und prominentes Beispiel für die fortschreitende Verharmlosung des Nationalsozialismus und die Umdeutung historischer Tatsachen in Deutschland. Aus einem Marinerichter, der Todesurteile unterschrieb, wird da flugs ein »ein Gegner des NS-Regimes«. Worauf es die Geschichtsfälscher ebenso abgesehen haben, ist die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus. So ist immer wieder die Rede von den »zwei totalitären Systemen« oder den »beiden Diktaturen« in Deutschland.

Stoßen hierzulande Versuche, die Geschichte umzuschreiben, zumeist noch auf öffentliche Kritik, ist die Entwicklung in osteuropäischen Ländern weitaus erschreckender. Igor Iwanow, Vorsitzender der russischen Jugendorganisation Siin in Estland, berichtete von einer umfassenden Umdeutung der Geschichte in der ehemaligen Sowjetrepublik. Vor allem Mart Laar, Historiker und der erste Premier des Landes, habe »die Geschichte umgeschrieben«. Bei ihm wurden aus estnischen Nationalsozialisten und Kollaborateuren »Kämpfer für die Unabhängigkeit« Estlands. Eine Darstellung der Geschichte, die laut Iwanow so auch in den Schulbüchern das Geschichtsbild der estnischen Jugend prägt.

Der Geschichtsrevisionismus in Estland geht Hand in Hand mit einem ausgeprägten Antikommunismus und der Unterdrückung der russischen Minderheit im Land. »In Estland wird unterschieden zwischen ›Bürgern‹ und ›Nicht-Bürgern‹. Diese ›Nicht-Esten‹ sind Menschen ohne Staatsangehörigkeit, darunter etwa 100 000 Russen«, erzählt Malle Salupere, stellvertretende Vorsitzende der Estnischen Linkspartei. Die Staatenlosen dürften in keine Partei, sich nicht wählen lassen und nur bei Kommunalwahlen ihre Stimme abgeben.

Repressionen gegenüber der russischen Bevölkerung und Geschichtsrevisionismus manifestieren sich in Estland symbolhaft an der Bronzestatue eines Sowjetsoldaten, dem Denkmal für die Befreier Tallinns, das im vergangenen April trotz russischer Proteste aus der Innenstadt entfernt wurde. »Die Russen in Estland werden von den rechten Parteien und Medien kollektiv als Okkupanten bezeichnet und für die Zeit der sowjetischen Herrschaft bestraft«, sagt Iwanow. Es herrsche eine regelrechte »Russophobie«. Die Verdienste der Sowjetsoldaten bei der Befreiung Estlands von Hitlers Besatzern hingegen würden völlig ausgeblendet. »In der Öffentlichkeit wird die Meinung vertreten, dass Stalin schlimmer war als Hitler«, so Salupere.

Auch in der Tschechischen Republik erstarkt der Faschismus zusehends. Ein Zug von Nazis am Jahrestag der Pogromnacht durch das ehemalige jüdische Viertel Prags, die Josefsstadt, wurde von Polizei und Gegendemonstranten zwar verhindert. Doch beklagt der tschechische Publizist Emil Hruška, dass nicht der Aufmarsch zu einer öffentlichen Debatte führte, sondern dessen Verbot und die Frage nach den »politischen Rechten der Nazis im Rechtsstaat«. Weiterhin seien auch die revisionistischen Bestrebungen der Sudetendeutschen und deren gemeinsames Vorgehen mit ungarischen Nationalisten gegen die Beneš-Dekrete problematisch. Ulrich Schneider, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer, stellt überhaupt eine verstärkte Vernetzung von »Vertriebenen« in Europa fest.

Internationalsierung des Widerstands sieht er aber auch als möglichen Weg, effizienter gegen Geschichtsfälschung und Faschismus vorzugehen. Fronten, an denen es zu kämpfen gilt, dies wurde klar, gibt es in ganz Europa mehr als genug. Angesichts der Fülle an Berichten über Probleme blieb für eine ausführliche Diskussion über Gegenmaßnahmen jedoch keine Zeit – ein Thema, das weitere Veranstaltungen nötig und wünschenswert macht.

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