Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

"Mich kann man nicht kaltstellen"

Die PDS-Politikerin Sahra Wagenknecht über die gelähmte Gesellschaft, die Droge Geld und warum Gysi kein zweiter Fischer werden darf. Interview in der Frankfurter Rundschau vom 20.10.2001

20.10.2001

Sahra Wagenknecht hat uns ins Havanna-Café im Ostteil Berlins bestellt. Ganz ohne Ironie, und nur, weil es dort angenehm ruhig sei. Unter dem Bild von Che Guevara möchte die Wortführerin der kommunistischen Plattform in der PDS dann aber nicht so gerne fotografiert werden: "Das finde ich albern." Sahra Wagenknecht wurde 1969 in Jena geboren und wuchs in Ostberlin auf. Über die klassische Literatur und Philosophie sei sie zum Kommunismus gekommen: "Von Hegel ist es nicht weit zu Marx. Und so war der Parteieintritt in die SED 1989 für mich eine Überzeugung, weniger das Interesse an einer politischen Laufbahn." Sie wollte die DDR verändern, sagt die studierte Philosophin. Zu spät. Inzwischen verfolgt sie ein anderes Ziel: Die Umverteilung der Machtverhältnisse in Deutschland. Anfeindungen ist die "schönste Linke aller Zeiten" (Die Woche) gewöhnt, auch aus den eigenen Reihen. Lothar Bisky nannte sie die "Frau mit den kalten Augen" und verhinderte gemeinsam mit Gregor Gysi 1995 ihre Wiederwahl in den Vorstand der PDS. Doch das "stalinistische Teufelchen" (Bild) gibt so schnell nicht auf. Hartnäckig verfolgt sie ihre Linie, propagiert sozialistische Wirtschaftsstrukturen und verdammt die soziale Ungerechtigkeit des Kapitalismus. In der eigenen Partei nicht mehr so gerne gesehen, schart sie ihre Anhänger bei Vortragsreisen und Lesungen aus ihrem neuesten Buch Die Mythen der Modernisierer um sich. Allen Klischees zum Trotz kann Sahra Wagenknecht lächeln: Wenn sie über ihren Mann und ihre Reisen nach Irland redet. "In der Politik kann einem aber der Spaß vergehen." Daran seien nicht zuletzt "Scheinlinke und Belgrad-Bombardierer" wie Joschka Fischer schuld. Den Weg des grünen Ministers dürfe Gysi auf keinen Fall einschlagen, warnt sie. Und wünscht ihrem Parteifeind dennoch viel Glück für die Berlin-Wahl. Das Interview führten Ute Diefenbach und Ulrich Speck.

Frau Wagenknecht, Sie gehören zu den jüngsten Mitgliedern der PDS. Haben Sie eigentlich einen Draht zu jungen Leuten?

Ich bin kein Teenager mehr, und zum Glück hat die PDS eine ganze Reihe Mitglieder, die noch jünger sind als ich. Aber vor allem zu meinen Lesungen kommen viele junge Leute. Und ich bekomme mehr Post von jungen als von älteren. Junge Menschen nehmen doch wahr, wenn ihre Perspektiven kaputt
gemacht werden.

Kennen Sie einen aktuellen Top-Ten-Hit?

Oh Gott. Ich würde manche vielleicht erkennen, wenn sie im Radio gespielt werden.

Eine Band, die gerade angesagt ist?

Jetzt können Sie mich furchtbar vorführen, aber das weiß ich wirklich nicht. Ich finde aber auch nicht, dass man das wissen muss. Wenn ich Musik zum Genuss höre, dann höre ich klassische Musik. Ansonsten läuft oft im Hintergrund das Radio, aber ganz sicher auch keine Sender, die Techno spielen.

Am Tag des Mauerfalls sollen Sie deprimiert zu Hause gesessen und gelesen
haben: Und zwar Kants Kritik der reinen Vernunft.

Ja, das Buch hatte ich allerdings schon begonnen, als die Mauer noch stand. Aber es stimmt schon, ich war damals tatsächlich in einer Krise. Ich wollte die DDR anders, ich wollte Reformen. Aber ich wollte nicht, dass sie zugrunde geht. Also habe ich zunächst mit Trotz und Verweigerung reagiert.

Sie sind an dem Tag nicht mal vor die Tür gegangen?

Ich hatte kein Bedürfnis, mich jubelnd "Unter den Linden" herumzutreiben. In erster Linie bedeutet dieser Tag für mich das Scheitern einer gesellschaftlichen Alternative zum Kapitalismus. Zumindest vorläufig. Und das überlagerte alle positiven Momente: Dass ich mir jetzt Paris oder Rom ansehen konnte, war schön, aber kein Trost.

Wann waren Sie das erste Mal drüben?

Im Frühjahr 1990. Ein gutes halbes Jahr nach dem Mauerfall.

So lange haben Sie gewartet?

Mich hat nichts hingezogen, ich hatte dort keine Bekannten. Und dann bin ich auch nur aus ganz praktischen Gründen da gewesen: Ich brauchte ein Buch, das es bei uns in der Bibliothek nicht gab. Dann habe ich mich halt in der Amerika-Bibliothek angemeldet.

Ausgerechnet! Waren Sie denn überhaupt nicht neugierig?

Naja, so viel anders sah es ja auch nicht aus.

Wie war denn dann Ihr erstes Mal im Westen?

Also, ich habe keinen Schock erlitten. Was mir auffiel, war diese Kontrastwelt: prall gefüllte Schaufenster, Glimmer und schön rekonstruierte Altbauten. Natürlich war das attraktiver als bröckelnde Fassaden und dürftig belegte Gemüsestände. Dann habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Menschen gesehen, die auf der Erde im Dreck sitzen und betteln. In der S-Bahn hat ein Mann Gitarre gespielt und lief dann mit dem Becher rum. Die Leute sahen aus dem Fenster, er bekam nichts. Das blieb für mich ein prägender Eindruck.

Und heute? Sind sich Osten und Westen immer noch fremd?

Da wird viel herbeigeredet. Emotional gibt es für mich diesen Unterschied nicht mehr. Ich besuche meine angeheiratete Familie bei Mannheim so gern wie meine leibliche in Thüringen. Allenfalls gibt es im Osten nach wie vor ein stärkeres soziales Empfinden. Ich erlebe hier mehr Leute, denen wichtig ist, wie es dem Nachbarn oder dem Kollegen geht. Die "Hauptsache, ich komme durch"- und "Die Loser sind selbst schuld"-Ideologie ist seltener.

Frau Wagenknecht, Sie sind in Ost-Berlin aufgewachsen bei Ihrer Mutter, einer Galeristin.

Sie hatte keine eigene Galerie, sondern arbeitete im staatlichen Kunsthandel.

Das klingt aber nicht nach Bohème.

Doch schon. Zum Bekanntenkreis meiner Mutter gehörten viele Künstler, alternativ denkende und lebende Menschen. Von Anfang an habe ich sehr kreative Diskussionen mitbekommen. Meine Mutter hat mich als Kind mit ins Theater genommen und mir früh Zugang zu Kunst und Literatur eröffnet.

Auch zu Oppositionellen?

Ich habe viele Querdenker getroffen, die damals kritisch waren und es auch heute noch sind. Sie haben sich gerade deshalb über die Schwächen und Dummheiten der DDR geärgert, weil sie die Bundesrepublik nicht als erstrebenswerte Alternative ansahen. Anders als diese Berufsoppositionellen, die noch heute davon leben, dass sie die DDR angeblich schon als Säugling bekämpften. Kriegspolitik und soziale Verbrechen heute stören sie dagegen nicht. Eine seltsame Moral!

Womit waren Sie in der DDR unzufrieden?

Nicht zuletzt mit der mangelnden Informations- und Diskussionskultur. Das ging schon in der Schule los. Probleme, die ja zum Teil gar nicht hausgemacht waren, wurden einfach weggeredet. Im Sommer 1989 hatte ich das Neue Deutschland abbestellt, weil ich die Zeitung einfach nicht mehr lesen konnte. Jeder wusste, dass die propagierte heile Welt eine Lüge war. Natürlich fühlten sich die Leute veralbert, denn mit ihrem Alltag hatte die Darstellung nichts zu tun. Das war eine viel stärkere Propaganda gegen die DDR, als es das Westfernsehen je hätte sein können.

Sie durften im Osten nicht studieren, sondern erst nach dem Mauerfall. Gehören Sie nicht eigentlich zu den Gewinnern der Wiedervereinigung?

Ein Verbot gab es nicht. Aber als ich nach der 12. Klasse studieren wollte, hieß es, ich solle erst mal lernen, mich in ein Arbeitskollektiv einzufügen. In der Schule war aufgefallen, dass ich eher eine Einzelgängerin war.

Sie haben lieber Goethe gelesen als strammgestanden?

Das FDJ-Leben bestand natürlich nicht nur aus Strammstehen. Aber gerade in den Endjahren war vieles zum Ritual gefroren. Da habe ich mich soweit ich konnte zurückgezogen. Und so kam eben diese Beurteilung zustande. Ich sollte zunächst mal zwei Jahre in der Universitätsverwaltung arbeiten als Bedingung für ein späteres Studium. Ich habe diese Arbeit dann angefangen, und sie war
völlig sinnlos. Im Grunde sollte ich eine Sekretärin ersetzen, Schreibkram erledigen. Die Vorstellung, damit zwei Jahre meines Lebens zu verbraten und überhaupt nicht in meiner theoretischen Ausbildung weiterzukommen, konnte ich einfach nicht ertragen. Nach drei Monaten kündigte ich, und damit waren die Probleme da. Denn das wurde als Beleg angesehen, dass ich wirklich nicht
kollektivfähig bin. Ich habe dann zu Hause bis 1990 die Weltphilosophie von den Vorsokratikern bis Hegel durchgeackert.

Kann man Sahra Wagenknecht auch mal dabei erwischen, wie sie ohne Buch oder Parteiprogramm zu Hause sitzt und beispielsweise einfach nur Fernsehen guckt?

Man kann mich zuweilen bei ganz unsinnigen Dingen erwischen, aber vorm Fernseher fast nie. Wenn politische Sachen wirklich wichtig sind, bitte ich irgendjemanden, sie für mich aufzuzeichnen und sehe sie mir dann an. Aber mich abends mit dem üblichen Unterhaltungsprogramm berieseln zu lassen, dafür ist die Zeit einfach nicht da. Selbst wenn ich mal Lust darauf hätte. Und Filme sehe ich mir lieber im Kino an. Wenn ich mir Freizeit und Erholung leiste, mache ich lieber Wanderurlaube, Skiurlaube oder Fahrradtouren. Ich pendel ja auch hin und her, weil mein Mann in Irland lebt. Wir wohnen dort in einem winzig kleinen Ort. Da kommt oft den ganzen Tag niemand vorbei, höchstens mal eine Kuh. Wenn ich dort bin, kann ich an meiner Dissertation arbeiten oder andere schöne Sachen machen. Bin ich dagegen in Berlin, ist die meiste Zeit für die Politik reserviert.

Ihre Heirat 1997 hat das Bild etwas erschüttert, das man von Ihnen aufgebaut hat. Knallharte Kommunistin, vernarrt in die Ideologie heiratet plötzlich einen als liberal geltenden westdeutschen Mann ...

Wieso ist das ein Widerspruch? Mein Mann erlebt als Film-Produzent selbst, dass sich auch der Filmmarkt immer mehr in großen Studios konzentriert. Als kleiner Selbstständiger hat er es immer schwerer, sich zu behaupten. Natürlich ist er ein Ausgleich für mich. Ich brauche Widerworte. Er teilt meine politischen Ansichten nicht in dieser Konsequenz. Obwohl er zunehmend schon in gewissen Dingen merkt ... - oder anders gesagt: Wir nähern uns an.

Heißt das: Sie haben ihn kleingekriegt?

Um Gottes willen, das wäre ja traurig. Nein, dafür ist er viel zu eigenständig. Er hat eine ganz andere Sozialisation und natürlich auch andere politische Positionen. Mir ist das im Grunde sogar lieb. Wenn man nur noch einer Meinung wäre, das wäre doch totlangweilig.

Über welche politischen Fragen streiten Sie mit ihm?

Über die Rolle von Parteien, über die Frage, wie der Ausweg aus der Krise nach dem 11. September aussehen kann. Über die Eigentumsformen in einer nichtkapitalistischen Wirtschaft. Und dann gibt es viele Fragen, wo wir gemeinsam nach Antworten suchen: was gegen den Krieg getan werden kann, wie Menschen motiviert werden können, sich zu wehren. Manchmal kommt er auch mit, wenn ich Veranstaltungen mache oder zu einer Talkshow gehe. Seine Meinung und Kritik sind mir wichtig. Außerdem sind sie bestimmt nicht untypisch für Haltungen in der alten Bundesrepublik.

Was sind denn das für Haltungen?

Es gibt einfach Begriffe, die im Westen anders besetzt sind als im Osten. Da geht es dann gar nicht um eine andere Haltung, sondern um das Vermeiden von Missverständnissen. Aber es gibt auch inhaltliche Unterschiede. Natürlich ist das DDR-Bild ein anderes, je nachdem, ob man in ihr aufgewachsen ist oder ob die Erinnerung sich in erster Linie mit holprigen Transitstrecken
und wenig freundlichen Grenzpolizisten verknüpft.

Dann ist Ihr Mann also Ihr heißer Draht zur Westmentalität?

Wenn Sie so wollen, ja. Aber natürlich nicht der einzige. Ich bin 1998 als Direktkandidatin der PDS in Dortmund angetreten. Und auch als soziale Erfahrung war dieser Wahlkampf für mich unheimlich wichtig. Ich war genauso bei den Rotariern wie bei den Gewerkschaftern und Arbeitslosen im
Ruhrgebiet. Dabei habe ich viel über die Sozialisation in der alten Bundesrepublik erfahren. Und das Erstaunliche war, selbst die Rotarier - und das sind ja nicht gerade arme Leute -, haben mir in manchen Dingen zugestimmt. Diverse Großbanken und Konzerne sind da auch keine Sympathieträger. Mit den Arbeitslosen war es natürlich leichter ...

Wirklich? Vielleicht stehen Ihnen als Bildungsbürgerin letzten Endes die Rotarier doch näher?

Was heißt denn hier Bildungsbürger? Mein Großvater hat als Meister bei Zeiss gearbeitet, meine Großmutter war Verkäuferin. Meine Mutter hat dann studiert und ist sozusagen den künstlerischen Weg gegangen. Das war zu DDR-Zeiten nichts Ungewöhnliches. Heute bleibt Kindern aus sozial schwachen Familien oft nur die Hauptschule. Ich will eine soziale Gesellschaft und eine gebildete. Beides gehört doch zusammen.

Und Sie glauben, dass Sie die Richtige sind, dem Volk das Glück zu predigen?

Mir geht's ja gar nicht darum, mir stellvertretend Ziele auszudenken und sie den Leuten aufzuschwatzen. Es geht mir darum, Alternativen aufzuzeigen und für diese Alternativen Menschen zu gewinnen. Natürlich hat ein Langzeitarbeitsloser das Bedürfnis, mit eigener Arbeit Geld zu verdienen und menschenwürdig leben zu können. Eine Belehrung darüber, dass ein menschenwürdiges Leben mit Sozialhilfe nicht möglich ist, hat er gar nicht nötig.

Damit reduzieren Sie aber die Bedürfnisse der Menschen auf rein materialistische Dinge.

Ich reduziere sie nicht darauf. Aber eine alleinerziehende Mutter, die rechnen muss, wie oft sie ihrem Kind frisches Obst kaufen kann, wird über einen Theaterbesuch gar nicht erst nachdenken. Es sind doch die sozialen Kontraste, die zum Himmel schreien. Im Osten sind die unteren Löhne jetzt bei sieben, acht Mark, im Westen wird der Billigjob-Sektor auch immer größer. Manche haben zwei Jobs und rackern sich tot und kommen doch nie hin. Für Reisen, Urlaub und all die Schönheiten des Lebens, da reicht es eben nicht. Das finde ich unerträglich. Das Schlimme ist: Wenn es Leuten schlecht geht, dann dreht sich alles um Geld. Erst wenn die soziale Existenz gesichert ist, wird der Blick frei für andere Dinge.

Für das Eigenheim beispielsweise. Und dann werden sich die Leute daran erinnern, dass Sie immer von Enteignung sprechen. Also werden sie ihr Kreuzchen bestimmt nicht bei der PDS machen. Enteignung findet doch heute ständig statt. Jedes Jahr werden mehr kleine und mittlere Unternehmen in den Konkurs getrieben. Eigenheime werden zwangsversteigert. Oder denken Sie daran, wie man im letzten Jahr Kleinsparern Aktien aufgeschwatzt hat. Viele haben dadurch mühsam angespartes Vermögen verloren. Wirklich viel Eigentum können sich nur wenige aneignen. Es ist eine ulkige Legende, dass Kommunisten an Omas Häuschen wollen. Es geht um Eigentumsveränderungen im Bereich großer Industriekonzerne, großer Dienstleistungsunternehmen und Banken. Da, wo sich die Wertschöpfung schon aus technologischen Gründen in riesigen Unternehmen konzentriert, hat Privateigentum nichts zu suchen.

Gehört im Jahr 2001 der Kommunismus nicht längst auf den Müllhaufen der Geschichte?

Ich frage mich eher, ob der Kapitalismus nicht dorthin gehört. Krasseste soziale Gegensätze, taumelnde Finanzmärkte, wieder steigende Arbeitslosigkeit und Krieg - finden Sie diese Weltlage komfortabel? Ohne Vergesellschaftung wird man die globale Unterwerfung unter die Renditegier nicht durchbrechen können. Jede politische Entscheidung ist heute von den großen Unternehmen, von der Reaktion der Finanzmärkte bedroht. Diese Machtverhältnisse will ich umkehren.

Klingt so, als würden Sie die Revolution ausrufen?

Man braucht starke außerparlamentarische Gegenbewegungen. Revolution heißt nicht Barrikadenkampf oder Steinewerfen. Im Gegenteil: Man entmachtet die Deutsche Bank nicht, wenn man ihr eine Scheibe zerdonnert. Und auch Daimler wird auf diesem Weg nicht vom Waffen- und Minen-Produzieren abgehalten. Wenn aber der Staat solche Unternehmen übernimmt, dann ist er nicht mehr durch Kapitalflucht erpressbar.

Die breite Masse haben Sie mit diesen Thesen noch nicht hinter sich gebracht. Woher soll die Bewegung kommen, die Ihre politischen Ziele verfolgt?

Bewegung muss von denen ausgehen, die unzufrieden sind. Das sind ja nicht wenige. Beim G8-Gipfel in Genua war kein kleines Häuflein auf der Straße. Das ist schon eine Bewegung, auf die Polizei und Politiker nicht zufällig mit dieser Aggressivität reagiert haben. Aber natürlich müssen es noch sehr
viel mehr werden. Gegenwärtig ist das Lähmende, dass viele Leute keine Alternative sehen. Sie empfinden es daher auch nicht als lohnend, sich zu engagieren. Aber sie merken, dass sie schlechter leben als noch vor fünf Jahren, sie merken, dass der Regierung ihre Bedürfnisse schnurz sind.

So wie in der DDR beispielsweise. Zufriedenheit war nicht gerade ein Merkmal der DDR-Bevölkerung. Das Leben im kommunistischen Staat der 80er schien doch eher freudlos und grau.

Selbst wenn das stimmen würde, macht das doch die heutige Lage nicht besser. Ich habe nie behauptet, dass ich die DDR, so wie sie war, wieder herstellen will. Aber Freiheit von sozialer Existenzangst bleibt trotzdem die Voraussetzung jeglicher Freiheit.

Frau Wagenknecht, können Sie sich eigentlich erklären, warum Ihnen immer Freudlosigkeit nachgesagt wird?

Ach, wissen Sie, was mir noch so alles nachgesagt wird? Jemanden menschlich verächtlich zu machen, erspart immerhin, sich mit seinen Inhalten auseinanderzusetzen. Es ist doch viel leichter, jemanden in eine Ecke zu stellen. Eine Angsthaltung aufzubauen: Diese verbitterten verbiesterten Kommunisten, die die Schönheiten der Spaßgesellschaft nicht erkennen! Dabei existiert die vielgelobte Spaßgesellschaft doch nur für wenige. Jungen Leuten wird vorgegaukelt, das Leben sei eine Party, aber immer mehr merken, dass just sie keine Eintrittskarte bekommen haben. Dann wird ihnen auch noch eingeredet, sie selbst seien Schuld daran. Sie seien Versager. Wer das verinnerlicht, setzt sich natürlich auch nicht zur Wehr; er zieht sich zurück und lebt seine Misere in Depressionen oder im Alkohol aus. Die Spaßgesellschaft ist eine Scheinwelt.

Zurück zu Ihnen. Worüber können Sie denn lachen?

Mhmm - also ich finde Aristophanes Komödien köstlich, darüber kann ich lachen. Es gibt auch von Shakespeare herrliche Sachen.

Und aktuelle Autoren oder Kabarettisten?

Unter den aktuellen müsst ich überlegen ... Das Interessante bei diesen alten Sachen ist ja, dass sie immer noch aktuell sind. Was menschliches Verhalten angeht, gibt es über Jahrhunderte erstaunliche Konstanten. Ich finde auch die Komödien von Peter Hacks wundervoll. Das ist große Komik, wie sie nur aus Zuversicht entstehen kann. Wer Hacks Dialoge in "Adam und Eva" liest und dabei nicht Bauchweh vor Lachen kriegt, der tut mir leid. Humor dieser Art gibt es leider immer weniger. Statt großer Komödien gibt es platte Klamotten oder verächtliche Zynik.

Sie meinen, unsere Kultur geht am Kapitalismus zugrunde?

Da geht nicht mehr viel zugrunde, das ist schon unten. Das war für mich auch so ein Kulturschock, als ich 1989 sah, wie leer die Theater plötzlich wurden. Früher gehörte das zum Alltag. Heute erlebe ich bei vielen, dass sie dafür einfach keinen Sinn mehr haben. Wenn ich mich mit Leuten unterhalte,
die ich schon länger kenne, bin ich manchmal richtig erschrocken, wie sich die Themenkreise einengen, wie sehr sich alles nur noch auf materielle Dinge, auf Geld konzentriert. Oft aus nachvollziehbaren Gründen, weil sie hohe Schulden haben oder einfach nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Frau Wagenknecht, Sie haben ja ein Problem mit dem Kollektiv. Was ging Ihnen denn angesichts des kollektiven Entsetzens am 11. September durch den Kopf?

Diese Bilder haben mich natürlich auch schockiert. Aber meine Sorge galt dann vor allen Dingen den Reaktionen darauf. Bushs Reaktion ist aggressive Kriegspolitik, die völlig unschuldige Menschen trifft. Das ist kein Kampf gegen den Terror, sondern neuer Terror. Da mag ich mir gar nicht ausmalen, wohin das noch führen kann.

Was wäre denn Ihrer Ansicht nach die angemessene Reaktion?

Das erste ist, dass die Verantwortlichen für die furchtbaren Anschläge seriös ermittelt werden müssen. Es ist doch seltsam, dass man angeblich vorher überhaupt nichts wusste - und 24 Stunden später stand der Täter fest. Seitdem wird nur noch in eine Richtung ermittelt. Beweise liegen bisher nicht vor. Wenn man die wirklich hätte, dann müssten die gängigen rechtsstaatlichen Instrumentarien in Gang gesetzt werden: Haftbefehl, Auslieferungsersuchen. Das Heuchlerische ist doch, dass die heutigen "Erzfeinde", die Taliban, bis gestern noch Geld und Waffen aus den USA bezogen. Ohne diese Unterstützung hätte ihr brutales Regime nie eine Überlebenschance gehabt. Jetzt tut man so, als ließen sie sich nur mit Bomben verjagen. Und Schröder und Fischer sekundieren brav. Ich bin jedenfalls froh, dass sich die PDS auf ihrem Dresdner Parteitag gegen jegliche militärische Aktionen ausgesprochen hat.

Gregor Gysi ist da etwas anderer Meinung.

Ja, ich fand das sehr befremdlich. In einer Situation, in der die USA Bomben auf afghanische Frauen und Kinder werfen, eine Debatte über den möglichen Nutzen "begrenzter Militärschläge" zu führen, finde ich völlig abstrus.Wenn wir auf dem Parteitag einen klaren Beschluss gegen Kriege und Militärschläge fassen, den Gysi selbst unterschreibt, dann zeugt es nicht gerade von ausgeprägtem Demokratieverständnis, sich am nächsten Tag hinzustellen und erneut die gegenteilige Position zu wiederholen. Fischer hat die Grünen oft ähnlich behandelt, und die sollten uns wahrlich kein Vorbild sein.

Gysi lässt kein gutes Haar an Ihnen, bezeichnet Sie und Ihre Kollegen von der Kommunistischen Plattform als "merkwürdige Mitglieder". Sind Sie zurzeit kaltgestellt, oder warum reagieren Sie so zahm?

Mich kann man nicht kaltstellen. Aber auf dieser Ebene habe ich noch nie gestritten. Weil ich denke, dass eine unsolidarische Bemerkung eher den beschädigt, der sie äußert. Ich habe mit der Pluralität keine Probleme, sondern finde es wichtig, dass unsere Partei Raum für unterschiedliche Positionen hat. Pluralität meint allerdings nicht Beliebigkeit. Eine PDS ohne klare Antikriegsposition wäre keine PDS mehr.

Dann müssten Sie ja Bauchschmerzen kriegen, wenn Gysi am Sonntag zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt würde?

Das ist Blödsinn. Ich würde mich natürlich freuen. Es ist außerdem nicht allein unser Spitzenkandidat, sondern die PDS, die in Berlin hoffentlich viele Stimmen bekommen wird. Und dann müssen wir zusehen, dass wir in Berlin eine gute linke Politik machen. Wenn Wowereit nicht bereit ist, wirklich neue Prioritäten zu setzen - und bisher sieht es ganz so aus -, dann behaupten wir uns lieber als starke Opposition.

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