Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

Bis zum nächsten Crash

Teil II einer Artikelserie zu Bad Banks in der Zeitung "junge welt" vom 26.10.2009

26.10.2009

Bad Banks: Wie der Staat maroden Kreditinstituten aufhilft – und wer die Zeche zahlt (Teil II und Schluß)

Das Bad-Bank-Modell der Bundesregierung ist also, wie im ersten Teil dieses Beitrags gezeigt, ein Projekt, mit dem die Verluste der Banken sozialisiert werden sollen. Allerdings sind ihre künftigen Gewinne dabei nicht völlig aus dem Spiel, und deshalb lohnt sich die Teilnahme vor allem für Banken, die auf absehbare Zeit keine Gewinne machen werden. Die WestLB und die Hypo Real Estate sind solche Fälle. Wer dagegen wie die Deutsche Bank schon wieder richtig Profit macht oder wie die Commerzbank solchen zumindest bald wieder in Aussicht stellt, fährt besser damit, die Giftpapiere vorerst im eigenen Keller zu verstecken. Da sieht sie immerhin keiner und niemand weiß, wie viele es sind und wie es um ihren wahren Wert bestellt ist. Diese wohlgehüteten Geschäftsgeheimnisse würden mit der Bad Bank zweifellos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt, und da die betreffende Bank weiter für die Verluste in Haftung steht, dürfte das dem Aktienkurs erheblich schaden. Ins Korsett der staatlich organisierten Bad Bank wird sich daher auch in Zukunft nur begeben, wer wirklich nicht anders kann.

Wenig einladend ist sicher auch, daß eine Reihe technischer Details noch ungelöst sind. Beispielsweise zieren sich die Ratingagenturen bisher, dem Konstrukt ihre Bonitätsnote aufzudrücken. Davon hängt aber ab, ob die Banken die staatlich garantierte Anleihe tatsächlich wie Staatsanleihen behandeln dürfen oder ob sie nicht doch Eigenkapital dafür vorhalten müssen. Dieses Problem zeigt wieder einmal, wie absurd es ist, gesetzliche Vorschriften von den Launen privater Ratinginstitute abhängig zu machen.

Wichtiger aber dürfte sein, daß der Leidensdruck in den Banketagen zur Zeit einfach nicht groß genug ist. Denn die Marktbewertung der Giftpapiere geht aktuell eher nach oben denn nach unten. Freilich ist das kein Zeichen dafür, daß diese vielleicht gar nicht so faul sind. Wer einen Blick in die US-Statistiken wirft, kennt den Grad der Überschuldung amerikanischer Privathaushalte, die sinkende Löhne über mehr als ein Jahrzehnt durch immer höhere Kredite kompensiert haben. Im Ergebnis lastet heute ein Schuldenberg auf ihren Schultern, den sie selbst in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten kaum abtragen könnten. Auch kann niemand glauben, daß von Private-Equity-Haien überschuldete Unternehmen, deren Kapitaldecke schon für ruhige Zeiten unzureichend war, in großer Zahl die aktuelle Krise überleben.

Den Kopf wieder ganz oben

Daß Papiere, in denen all solche Kredite verpackt sind, dennoch vorübergehend im Wert steigen, ist schlicht Folge des institutionalisierten Irrsinns spekulativer Märkte: Auf solchen Märkten werden eben nicht »Fundamentalwerte« gehandelt, sondern gekauft wird, wenn es eine begründete Erwartung gibt, das Zeug teurer weiterverkaufen zu können. Und diese Erwartung gibt es derzeit, weil der amerikanische Staat riesige Summen in die Hand nimmt, um den Markt für strukturierte Kreditpapiere zu reanimieren. Bereits seit Monaten läuft ein Kaufprogramm der US-amerikanischen Zentralbank Fed, mit dem Hypothekenpapiere im Gesamtwert von 750 Milliarden Dollar vom Markt genommen werden sollen. Vor allem verbriefte Hypothekenkredite und Schuldpapiere der zwei größten US-Hypothekenfinanzierer Freddy Mac und Fannie Mae. Darüber hinaus bemüht sich US-Finanzminister Geithner, Geierfonds und Private-Equity-Heuschrecken durch staatliche Verlustgarantien zu motivieren, den Banken toxischen Finanzmüll abzukaufen. Auf diese Weise sollen die Banken um Giftpapiere im Wert von bis zu 1000 Milliarden Dollar erleichtert werden, wobei es in diesem Fall ausdrücklich nicht um Papiere von Fannie und Freddie geht, sondern um den richtigen Subprime-Schrott. Dieses Programm – das de facto die Funktion einer staatlichen Bad Bank erfüllt – soll allein im Oktober für eine Zusatznachfrage von 40 Milliarden Dollar auf dem betreffenden Markt gesorgt haben.

Nun sind 40 Milliarden natürlich nicht viel angesichts eines Marktvolumens von mehreren Billionen. Aber auf einem spekulativen Markt genügt die Nachricht, daß mit steigender Nachfrage für irgendein Produkt zu rechnen ist, um andere Akteure ebenfalls zum Kauf zu animieren. So potenziert sich die Nachfrage, und die Preise gehen hoch. Beispiele für dieses absurde Theater gibt es viele. Als etwa vor über vierzig Jahren US-Präsident Nixon eine Kehrtwende der amerikanischen China-Politik in Richtung Entspannung einleitete, begann in London plötzlich ein intensiver Handel mit Staatsschuldverschreibungen aus den Zeiten des chinesischen Kaiserreichs. Obwohl diese Papiere seit Jahrzehnten keinen Cent Einnahmen mehr brachten, begannen ihre Preise zu steigen. Natürlich erwartete niemand, daß China die Zahlungen für diese vergilbten Scheine je wieder aufnehmen könnte. Aber alle kalkulierten, daß bei einer Annäherung zwischen den USA und China solche Papiere wieder verstärkt nachgefragt würden, und genau deshalb wurden sie es. Wer ausstieg, bevor der Spuk platzte, konnte mit diesen wertlosen Papierfetzen einen schönen Gewinn machen. Ähnlich fundiert dürfte die aktuelle Erholung der toxischen Kreditpapiere sein.

Oder auch die der Bankaktien, die mit Wertsteigerungen von bis zu 1000 Prozent im zurückliegenden halben Jahr eine regelrechte Rallye hingelegt haben, obwohl keines der Finanzprobleme, die den Crash ausgelöst haben, auch nur annähernd gelöst ist. Die Giftdepots sind kaum zur Hälfte abgeschrieben, die Weltwirtschaftskrise wütet weiter. Aber die Finanzwerte florieren, und auch die Börsen insgesamt haben sich gegenüber ihren Tiefständen Anfang des Jahres deutlich erholt. Und da sie selbst mit genau diesem Finanzschaum herumwirbeln, machen nicht wenige Banken tatsächlich schon wieder Milliar­dengewinne. Ob Goldman Sachs, JP Morgan oder auch Deutsche Bank: Man trägt den Kopf wieder ganz oben. Und während mancher schwäbische Maschinenbauer verzweifelt um seine Kreditlinie ringt, können Private-Equity-Piraten neuerdings wieder auf günstige Finanzierungen bauen.

Neue Luftnummern

Wenn das Ziel darin bestand, die Finanzmärkte wieder in jene Spekulationslaune zu versetzen, die ihnen nach dem Lehman-Crash so gründlich vergangen war, dann waren die internationalen Bankenrettungsprogramme und die Flut billigen Geldes, mit denen die Zentralbanken die Märkte überschwemmten, bisher sehr erfolgreich. Einen Einblick in die Stimmungslage bot kürzlich die Financial Times Deutschland, die sich in einem Lokal nahe der Wall Street, das bevorzugt von Brokern und Investmentbankern der großen Finanzhäuser besucht wird, umgehört hat. Das Ergebnis liest sich dann so: »Hey, Leute, seien wir doch ehrlich: Vor ein paar Monaten dachten wir alle, wir sind am Ende, dann kamen die Milliarden vom Staat, und nun zocken viele von uns wieder so wie vor der Krise. (...) Wir sollen das nicht so sagen, ich weiß, das schärfen sie uns alle ein, unsere Chefs, unsere Imageberater. Weil so viele Leute noch immer wütend auf uns sind. (...) An manchen Tagen habe ich das Gefühl, wir sind wieder alle im Rausch.« Der das sagt, ist selbst Investmentbanker bei einer der großen US-Banken. Selbstverständlich sind die Bankprofite, die da eingefahren werden, von gleicher Qualität wie jene vor dem Crash: Scheingewinne, die auf Luftbuchungen in einem großen Schneeballsystem beruhen, in dem mehr oder minder dubiose Papiere hin- und hergeschoben und die Preise durch wachsenden Kredit nach oben geschraubt werden. Bis zum nächsten Zusammenbruch. Daß Banker und Fondsmanager sich um diese Perspektive nicht groß kümmern, ist aber nachvollziehbar. Denn erstens sind sie alle fixiert auf Quartalszahlen, und die kurzfristige Rendite ist das Maß ihres Erfolgs. Und zweitens haben zumindest die Banker heute eine staatliche Rückversicherung, die ihnen die Sicherheit gibt, nie wirklich tief zu fallen. Das gilt für die Bundesrepublik nicht weniger als für die USA. Ein Staat, der die winzige Mittelstandsbank IKB für »systemrelevant« erklärt, den Aktionären der unrettbar bankrotten HRE noch 160 Millionen Euro hinterherwirft und ihren Gläubigern viele Milliarden, von dem hat ein Banker wirklich nichts zu befürchten.

Für nichts als ein Lächeln

So erstaunlich ist das mangelnde Interesse deutscher Banken an der staatlich organisierten Bad Bank also gar nicht. Oder an den Garantien und Eigenkapitalhilfen des Finanzmarktstabilisierungsfonds SoFFin, von dessen 480 Milliarden bisher weniger als die Hälfte abgerufen wurde. Die Commerzbank hat gerade zwei Drittel der ihr zur Verfügung gestellten staatlichen Garantien zurückgegeben. Denn die Garantien kosten Geld, ebenso wie die Nutzung der Bad Bank Geld kosten würde. Die faktische staatliche Rückversicherung dagegen haben die Banken gratis.

Nicht zu vergessen: Auch die Staatsknete für die real existierenden Bad Banks bekommen die Banken für nichts als ein Lächeln. Denn faktisch erfüllen nicht allein die mit US-amerikanischem Steuergeld gedopten Geierfonds, die die Banken von ihrem Finanzmüll befreien sollen, die Funktion einer staatlichen Bad Bank. Ähnlich segensreich für die anderen Banken ist auch die staatliche Rettung genau jener Institute, bei denen eigentlich nichts mehr zu retten ist. In den USA waren das der Versicherungskonzern AIG, der Anleihen und wacklige Kreditpapiere im Volumen von 441 Milliarden Dollar gegen Zahlungsausfall versichert hatte, und die Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac. Allein die Rettungsaktion für AIG führte zu Überweisungen aus Steuergeld in Höhe von unglaublichen 93,2 Milliarden Dollar an die High Society der globalen Finanzwelt. Mit diesem Geld wurden aus Kreditderivaten resultierende Forderungen der Banken gegenüber AIG in voller Höhe abgegolten. Die Deutsche Bank erhielt aus diesem Topf 11,9 Milliarden Dollar, fast soviel wie die Investmentbank Goldman Sachs, die 12,9 Milliarden Dollar einsackte. Wäre der Staat nicht eingesprungen, hätten die Banken diese Forderungen abschreiben müssen, und dann könnten Aktionäre und Manager von den schönen Boni und Dividenden, die sie gegenwärtig schon wieder einstreichen, allenfalls träumen.

Staatsgeld zum Nulltarif

In Deutschland ist das Ganze ein paar Nummern kleiner, aber deshalb nicht weniger schlimm. Die erste Bad Bank, die mit etwa zehn Milliarden Euro Staatsgeld gerettet wurde, war die IKB. Daten zu den Profiteuren dieser Rettungsaktion sind bis heute nicht öffentlich zugänglich, aber es kann als sicher gelten, daß die Deutschbanker dabei in der ersten Reihe saßen. Immerhin verbanden Deutsche Bank und IKB engste Geschäftsbeziehungen: Die Deutsche hatte der IKB jahrelang die Geldhandelslinien zur Verfügung gestellt; sie war Treuhänder bei der Administration der dubiosen Zweckgesellschaft Rhineland sowie deren Liquiditätsgeber; außerdem kamen die bei Rhineland lagernden Giftpapiere zu großen Teilen aus dem Hause Ackermann. Daß aus derart intensiven geschäftlichen Kontakten auch hohe verbleibende Forderungen der Deutschen Bank resultierten, ist anzunehmen. Wäre die IKB in die Insolvenz geschickt worden, wo sie hingehörte, wäre dieses Geld futsch gewesen.

Die zweite Bad Bank, an deren Rettung der deutsche Staat wesentlich beteiligt war, ist die Dresdner Bank. Ohne den Steuergeldscheck in Höhe von 18,2 Milliarden Euro hätte die Commerzbank die Übernahme der Dresdner nicht stemmen können, und damit wäre die Allianz diesen Sauladen nicht für gutes Geld losgeworden. Hauptprofiteur war in diesem Fall also die Al­lianz-Versicherung, während der Staat jetzt die renitenten Londoner Investmentbanker der Dresdner und deren Spekulationsverluste am Hals hat. Auch ist es eine Legende, daß der Einstieg bei der Commerzbank für den Staat ein gutes Geschäft sei, weil die stille Einlage in Höhe von 16,4 Milliarden Euro (also der Teil der Eigenkapitalhilfe, der nicht zum Kauf von Aktien verwendet wurde) mit neun Prozent verzinst würde. Das wären in der Tat 1,4 Milliarden Euro Einnahmen fürs Staatssäckel pro Jahr. Bedauerlicherweise aber hat die Commerzbank bisher an den SoFFin genau 0,047 Milliarden abgeführt, Gebühren für die Garantien, die sie deshalb gerade gekündigt hat. Die stille Einlage wird erst verzinst, wenn die Commerzbank wieder Gewinne macht – bis dahin freilich ist das Staatsgeld zum Nulltarif und ohne Eigentumsrechte sehr angenehm.

Die dritte und größte Bad Bank, die der deutsche Steuerzahler aufgehalst bekam, ist natürlich die Hypo Real Estate. Hier geht es um zwei- bis dreistellige Milliardenbeträge, und zwar nicht so sehr für Kirchenkassen, Ärztekammern und Kommunen, wie immer wieder tränenreich versichert wurde, sondern für in- und ausländische Großbanken und Finanzanleger. Anders als bei der IKB ist die Liste der Gläubiger der HRE öffentlich bekannt geworden. Hier weiß der Steuerzahler also, wen er bezahlt. Ganz oben steht wieder mal die von Staatsknete ach so unabhängige Deutsche Bank, die in Form unbesicherter kurz- und mittelfristiger Schuldverschreibungen bei der HRE mindestens 2,5 Milliarden im Feuer hat. Auch die Allianz ist mit Milliardenbeträgen dabei. Insgesamt liegen die jetzt vom deutschen Staat zu bedienenden Forderungen privater deutscher Banken gegenüber der HRE bei 12,8 Mil­liarden Euro, die ausländischer Bankhäuser bei 23 Milliarden. (Tagesspiegel, 13.9.2009). Wäre es zur Insolvenz gekommen, hätte zudem der Einlagensicherungsfonds des Bankenverbandes BdB mit bis zu 24 Milliarden Euro haften müssen. Das wäre vor allem für Ackermann unangenehm teuer geworden. Wie charmant also, daß der Staat den ganzen Mist zum Nulltarif übernommen hat. Das ist die First-Class-Behandlung, die die Banker von ihren Regierungen gewohnt sind – und nicht teure Garantien und jahrzehntelange Mithaftung zu Lasten der Dividenden.

Ein schöner Tausch

Auch bei der Bad Bank setzen die Banken vermutlich darauf, daß der Staat ihnen schon noch weiter entgegenkommen wird, wenn die Situa­tion sich wieder zuspitzt. Was den Bankern dabei so vorschwebt, kann man bei unseren europäischen Nachbarn besichtigen. Ein aus Bankersicht ausgesprochen lukratives Bad-Bank-Modell hat etwa Irland aufgelegt. Das Grundkonzept der irischen Bankenrettung sieht vor, daß die Staatsorganisation NAMA den Banken bis Mitte nächsten Jahres Problemkredite zu einem Nominalwert von 77 Milliarden Euro abkauft. Weniger als die Hälfte dieser Kredite werden überhaupt noch bedient, der Rest ist faul. Dennoch bekommen die Banken für dieses Müllpaket mit einem geringfügigen Abschlag saubere Staatsanleihen, die der irische Steuerzahler bis zum Staatsbankrott pünktlich bedienen wird. Ein schöner Tausch, der die Aktienkurse der beiden großen irischen Banken Allied Irish Banks und Bank of Ireland am Tag der Verkündung auf einen Schlag um bis zu 30 Prozent nach oben trieb. So macht man das, mag da mancher in den Bürotürmen deutscher Bankhäuser leise geseufzt haben.

Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Immerhin taugt das mangelnde Interesse als guter Vorwand, um Nachbesserungen am deutschen Bad-Bank-Konzept zu fordern. »Die Bad-Bank-Lösung, wie in Deutschland angeboten, kauft nur Zeit, bringt aber keine große Erleichterung«, meint etwa Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup. Die Regierung sollte laut Michels mehr tun, um den Finanzinstituten aus den Eigenkapitalschwierigkeiten zu helfen und so eine Kreditklemme abzuwenden.

Der Kreditstreik – das Zurückfahren der Kreditvergabe an die Wirtschaft – ist eines der Hauptdruckmittel, das die Bankerlobby in dieser Auseinandersetzung zum Einsatz bringt. Allerdings folgt aus dem Umstand, daß die privaten Großbanken nun schon seit Jahren ihrer wichtigsten Funktion, die Wirtschaft mit Kredit zu versorgen, nicht mehr nachkommen, keineswegs, daß die Regierungen ihnen das Steuergeld nun noch bedingungsloser in den Allerwertesten stopfen sollten. Andere Lösungen sind möglich und werden zunehmend ins Gespräch gebracht. Selbst bis in die Bundesbank hat sich mittlerweile herumgesprochen, daß es so nicht weitergehen kann. Bundesbankchef Axel Weber fordert, vorerst die Ausschüttung von Dividenden zu verbieten, um die Banken zu zwingen, ihre Eigenkapitalbasis zu stärken. Auch die Wirtschaftsforschungsinstitute schlagen in ihrem Herbstgutachten Alarm. Banken sollten zu mehr Eigenkapital verpflichtet werden, um gegen die Kreditklemme vorzugehen. Falls die Banken ihr Eigenkapital nicht aus eigener Kraft erhöhen könnten, sollten sie einen Einstieg des SoFFin akzeptieren müssen. Ein alternatives Bad-Bank-Konzept hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vorgelegt: Statt die faulen Papiere staatlich abzusichern, fordert das DIW, die Banken zu zwingen, sämtliche toxischen Papiere zum Nullwert in eine Bad Bank auszulagern und abzuschreiben. Der Staat sollte dann die Good Banks, deren Eigenkapital durch diese Aktion weitgehend verbrannt sein dürfte, mit frischem Eigenkapital ausstatten.

Ausweg: Verstaatlichung ...

Für den Steuerzahler wäre das natürlich sehr von Vorteil: wenn er schon Geld in die Banken stecken muß, bekäme er dafür wenigstens nicht nur Schrott, sondern die durchaus werthaltigen Aktiva der Banken. Selbst beinharte Neoliberale wie Hans-Werner Sinn, die über Jahre die Deregulierung der Märkte gepredigt haben, fordern mittlerweile eine Verstaatlichung der Banken. Das wäre ohne Frage die vernünftigste Lösung. Erstens würde sich die Refinanzierung der Geldinstitute dadurch verbilligen, da der deutsche Staat immer noch als der sicherste Kreditnehmer gilt. Zweitens könnten die Banken so nicht nur mit ausreichend Eigenkapital ausgestattet, sondern auch gezwungen werden, in ihrer Kredit- und Zinspolitik die wirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen, statt ihr penetrant entgegenzuwirken. Und drittens wäre die Bereinigung der Finanzmülldeponien dann um einiges leichter. Denn in diesem Fall wäre eine Entsorgung des Finanzschrotts nach schwedischem Muster möglich. In Schweden waren nach der Bankenkrise 1994 für Kreditinstitute, die nicht geschlossen wurden, Bad Banks gegründet worden, in die risikobehaftete Vermögensbestandteile ausgegliedert wurden. Das betraf vor allem die beiden Großbanken Nordbanken und Götabanken. Beide Häuser waren zuvor allerdings verstaatlicht worden – ohne Entschädigung für die Aktionäre. Daß die Verluste für den schwedischen Steuerzahler sich am Ende in Grenzen hielten, hatte zwei Gründe: Zum einen gehörten dem Staat so eben nicht nur die Mülldeponien, sondern auch die Good Banks mit erheblichen Einnahmen. Und zum anderen war der schwedische »Schrott«, der überwiegend aus Immobilien bestand, nicht ganz so wertlos, wie es zunächst schien.

Obwohl letzteres bei den Giftpapieren nicht zu erwarten ist, ist die Verstaatlichung auch für Deutschland die wirtschaftlich sinnvollste und für den Steuerzahler billigste Lösung. Zu prüfen wäre dabei auch, ob tatsächlich alle unbesicherten Forderungen bedient werden müssen. In den USA hatte es nach der Auszahlung der 93 Milliarden Dollar für die Kreditderivate der AIG massive öffentliche Kritik daran gegeben, daß den Banken nicht wenigstens ein »Haircut«, also ein Abschlag auf ihre Forderungen, aufgezwungen wurde. Es geht also. Auch eine Teilinsolvenz hoffnungslos maroder Konzernteile wäre zu prüfen. Das würde die öffentlichen Kosten erheblich reduzieren.

... und Regulierung

In einem Punkt allerdings sollte man den Schweden nicht folgen: Es gibt keinen Grund, die Banken nach erfolgreicher Sanierung wieder privaten Anteilseignern zu überlassen.

Wenn es so ist, daß ein funktionierender Finanzmarkt ein öffentliches Gut ist, dann folgt daraus zweierlei: Daß Banken und Versicherungen, als wichtigste Akteure auf diesem Markt, in öffentliche Hand gehören. Und daß sie so reguliert werden müssen, daß ihr Geschäftsgebaren dem Allgemeininteresse förderlich und nicht schädlich ist. Die Landesbanken zeigen, daß öffentliches Eigentum ohne vernünftige Regulierung nicht viel nützt. Die Hoffnung allerdings, letztere ließe sich ohne ersteres hinbekommen, sollte ebenfalls endlich begraben werden.

Es ist doch kein Zufall, daß das Vorhaben, die Banken strengerer Regulierung und höheren Eigenkapitalpflichten zu unterwerfen, trotz großer Töne bisher keinen Schritt vorangekommen ist. Das gilt für die europäische Ebene wie für die deutsche. Jeder, selbst der mildeste, Regulierungsvorschlag wird von der Bankerlobby mit dem Hinweis abgeblockt, daß die Banken für die Geldgeber attraktiv bleiben müßten. Klar, Eigenkapital ist teuer. Mehr Eigenkapital heißt mehr Stabilität, aber eben weniger Rendite. Das kollidiert mit dem zentralen Ziel privater Bankhäuser, das Ackermann so formuliert: »Man muß auch die Aktionäre zufriedenstellen.« Tatsächlich ist die angestrebte Eigenkapitalrendite von 25 Prozent durchaus kein persönlicher Spleen des Deutsche-Bank-Chefs, sondern schlicht das, was auf den internationalen Märkten heute erwartet wird. Würden aufgrund strengerer Regulierung einzelne Banken solche Renditen nicht mehr vorweisen, dürfte das ihre Anteilseigner nachhaltig vergrätzen. Die Folge: Die Aktienkurse sinken, neues Kapital zu beschaffen wird schwieriger.

25 Prozent Eigenkapitalrendite allerdings können nicht seriös erwirtschaftet werden. Keine Bank schafft das durch Mittelstandskredite. Solche Renditen verlangen hochgehebelte Spekulation und volles Risiko – bis zum nächsten Crash. Es gibt also überhaupt nur zwei Auswege: Entweder man wartet bis zum Sanktnimmerleinstag auf eine international einheitliche strengere Bankenregulierung, und bis dahin zieht man immer von neuem los, um mit endlosen Steuermilliarden Brände zu löschen, weil der heiße Reifen, den die Banker fahren, sie immer wieder aus der Kurve werfen wird. Oder man beendet den Spuk, verstaatlicht die Finanzindustrie und unterwirft sie strikter Regulierung, damit irre Renditeziele ein für allemal der Vergangenheit angehören und Kreditgeld wieder für die Dinge zur Verfügung steht, für die es gebraucht wird. Allzu schwer dürfte die Wahl eigentlich nicht fallen.


* Sahra Wagenknecht veröffentlichte zuletzt: Wahnsinn mit Methode. Finanzcrash und Weltwirtschaft, dritte korrigierte Auflage, Das Neue Berlin, Berlin 2009, 256 S., 14,90 Euro

(Teil I erschien in der Wochenendausgabe)

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