Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

Boulevard der hohen Rendite

Rezension von Erwin Riess in "Die Presse" vom 24.01.2009

26.01.2009

Plausibel: Sahra Wagenknecht erklärt die Finanzmärkte.

Wenn Politiker über Ökonomie schreiben, übertrifft der Unterhaltungswert zumeist die Aussagekraft. Beim Buch von Sahra Wagenknecht, der prominenten Politikerin der deutschen Linkspartei und Europaparlamentarierin, ist das nicht so. Mit großer Detailtreue und informativen Abrissen über die Geschichte von Wirtschaftskrisen demonstriert sie, wozu und über welche Kanäle die gigantische Vermögens- und Schuldenblase aufgepumpt wurde, die heute wie ein Alb auf den Ökonomien dieser Erde lastet. Sie zeigt, dass Finanzblasen nicht das Werk unmoralischer Spekulanten oder angelsächsischer Investmentmethoden sind; der Finanzschaum quillt vielmehr aus den Lebensadern des gesamten deregulierten Finanzsystems. Wagenknecht benennt jene Personen und Institutionen, die den Weg zur vermeintlichen Selbstalimentierung der Finanzsphäre durch die Erzeugung fiktiver Einkommen freimachten.

Margaret Thatcher hat hier ebenso ihren Auftritt wie die honorigen Experten des IWF, die sich mit der von ihnen mitverursachten Ostasien- und Lateinamerikakrise der Neunzigerjahre für Größeres aufwärmten. Aber auch die der Wall Street treu ergebene EU-Kommission wird entsprechend gewürdigt. Der Filz von Rating-Agenturen, Investmentbanken mit ihren verbrieften Schrottkrediten und Finanzgurus aller Schattierungen wird zur Kenntlichkeit, zum System, entstellt. Warum es in der Logik der Finanzspekulation völlig rational sein kann, gänzlich wertlose Papiere zu irrwitzigen Preisen nachzufragen oder andere weit unter ihrem Wert zu verkaufen, erklärt Wagenknecht ebenso schlüssig wie die Funktionsweisen der Kreditderivate, die von den Investmentbanken in immer abenteuerlicheren Versionen in den Markt gedrückt wurden, in den Büchern nicht mehr aufschienen beziehungsweise nicht mehr nachvollziehbar waren.

Finanztechnische Equilibristik

Der jahrhundertealte Traum der Banken– die Verwandlung des Kreditrisikos in ein Vehikel zusätzlicher Einkommen – schien verwirklicht. Für jene, die rechtzeitig aus dem Pyramidenspiel ausgestiegen sind, ging der Traum auch in Erfüllung. Da es dem Tauschwert aber trotz aller finanztechnischer Equilibristik nicht gelingt, seinem Schatten, dem Gebrauchswert, dauerhaft zu entfliehen, ist die massenhafte Entwertung von fiktivem Kapital mit allen negativen Auswirkungen auf die sogenannte Realwirtschaft eine notwendige Erscheinung.

Realistischerweise sieht Wagenknecht die Zukunft düster: Arbeitslosigkeit und Massenarmut werden steigen, demokratiefeindliche Bewegungen erstarken. Sollte in der Krise tatsächlich eine Chance liegen, so die Autorin, so vor allem für jene, welche die Bankenzusammenbrüche und die Zerstörung von Lebenschancen zu verantworten haben – sofern sie ausreichend milliardenschwer sind, werden sie vom Staat aufgefangen, entschuldet und wieder auf den Boulevard der hohen Rendite geschickt. So wird die Krise vor allem eines bringen: eine stärke Konzentration und Zentralisation der Konzerne und, dank der Finanzspritzen, wesentlich bessere Verwertungsbedingungen des großen gegenüber dem mittleren und kleineren Kapital. Somit wurde das Anliegen des Buches, die Funktionsweise der Finanzmärkte und ihre Rolle in der Krise offenzulegen, eingelöst.

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Über Goethe, die Macht und die Zukunft.

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