Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

Luftbuchungen

Rezension von Andreas Wehr in der Tageszeitung "junge welt" vom 12.01.09

12.01.2009

Zwei Bücher von Sahra Wagenknecht und Lucas Zeise über die Wirtschaftskrise aus marxistischer Sicht

Die aktuelle Entwicklung bestätigt einmal mehr die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus und zugleich seine historische Überholtheit. Dies enthebt nicht von der Aufgabe, genau zu untersuchen, was die Krise ausgelöst hat und wer wann welche Entscheidungen traf, die zu dem fatalen Absturz führten. Erst wenn genügend Klarheit darüber besteht, können auch erfolgversprechende Auswege diskutiert werden. Mit Sahra Wagenknecht (»Wahnsinn mit Methode: Finanzcrash und Weltwirtschaft«) und Lucas Zeise (»Ende der Party: Die Explosion im Finanzsektor und die Krise der Weltwirtschaft«) haben fast zeitgleich zwei Autoren Bücher mit Analysen aus marxistischer Sicht über den Crash vorgelegt. Lucas Zeise ist Autor der Financial Times Deutschland, aber auch von jungeWelt. Sahra Wagenknecht ist Europaabgeordnete der Partei Die Linke.

Machtlose Politik
Beide Bücher vermitteln zunächst einmal Grundlegendes über die Krisenerscheinungen. Man erfährt, warum immer mehr US-Amerikaner in der größten Hypothekenkrise des Landes ihre Häuser aufgeben mußten, wie sich die Finanzbranche als »Verpackungsindustrie« bei der Weiterreichung fauler Kredite betätigte und wie nicht zuletzt deutsche Banken gierig nach diesen toxischen Papieren griffen. Man lernt, was »Carry Trader« und »Conduits« sind und was sich hinter einem Wortungetüm wie »Collateralized Debt Obligation« verbürgt. Wagenknecht kommt in ihrem Buch dabei mit einem Glossar zur Hilfe.

Aber es gibt auch gewichtige Unterschiede zwischen beiden Werken. Sahra Wagenknecht entwickelt ihre Argumentation strikt entlang den Bewegungen des Finanzkapitals. Im Mittelpunkt stehen die unterschiedlichen Formen der Spekulation. Auf die immer wieder gestellte Frage, ob mit dem Platzen der Spekulationsblase nun echtes oder lediglich fiktives Geld verbrannt wird, antwortet Wagenknecht mir einem Ja und Nein. Zwar sei das völlig unangemessene Wachstum der Finanzmärkte auch Ergebnis einer enormen Umverteilung des Vermögens von unten nach oben und damit zu jenen, die spekulieren. Andererseits, und dies ist eine ihrer Kernaussagen, war ein »derart explosives Wachstum des Finanzsektors und der Finanzvermögen nur möglich, weil die heutigen Finanzmärkte die Eigenschaft besitzen, aus eigener Kraft und in nahezu unbegrenztem Umfang Einkommen, Gewinne und Vermögen zu erzeugen, denen keinerlei Käufe und Verkäufe realer Güter zugrunde liegen, sondern genau besehen, reine Luftbuchungen«. Wenngleich Wagenknecht die politischen Entscheidungen zur Deregulierung des Finanzmarktes und zum Anheizen des Spekulationswahns durchaus erwähnt, steht die Politik nicht im Zentrum ihrer Darstellung. Ein Grund dafür dürfte die von ihr konstatierte Machtlosigkeit der politischen Instanzen sein. So kommt sie mit Blick auf die Zentralbanker zum Urteil, daß »sie inzwischen viel machtloser (sind) als der Mythos, der sie umgibt, wahrhaben will.«

Verstaatlichung
Anders dagegen Lucas Zeise. Er sieht in den Zentralbanken weiterhin wichtige Akteure: »Den Notenbanken und in besonderem Maße der US-Notenbank Fed fällt bei dieser Krise sowohl die Rolle des Schurken als auch die des potentiellen Retters zu.« Für Zeise liegen die Gründe für den Crash nicht in einer allgemeinen Krise des Weltkapitalismus, sondern in der konkreten Politik und Wirtschaft der Vereinigten Staaten: »Die USA stehen im Zentrum dieser Krise. Anlaß und Ursachen sind im Wesentlichen in der immer noch bei weitem größten Volkswirtschaft der Erde zu suchen.« Dagegen Wagenknecht: »Der Zustand, in dem sich die US-Wirtschaft heute befindet und der nicht zu unrecht als Ausgangspunkt der gegenwärtigen Finanzkrise angesehen wird, ist daher keineswegs ein spezifisch amerikanisches Problem.« Die Situation der US-Wirtschaft ist nach ihrer Auffassung vielmehr »letzte Konsequenz eines Entwicklungspfads, auf dem sich längst auch die meisten europäischen Länder befinden und den spätestens seit Ende der 90er Jahre auch Deutschland eingeschlagen hat.«

Solche Differenzen haben Konsequenzen für die einzuschlagende Strategie. In einem mit »Ausblick« überschriebenen Schlußkapitel wird von Wagenknecht eine Wirtschaftsordnung skizziert, »in der nicht die Maximierung der Kapitalrendite, sondern demokratisch gesetzte Maßstäbe über Investitionen, Arbeitsplätze, Forschung und Wachstum entscheiden (…) als reale Alternative zum Finanzkapitalismus unserer Zeit«. Lucas Zeise sieht hingegen durchaus Lösungsmöglichkeiten innerhalb des bestehenden Systems: »Es ist nicht einmal so, daß das ganze kapitalistische System verändert oder umgestürzt werden muß, um Finanzkrisen zu verhindern. Nichts davon. Die entscheidenden Institutionen gibt es schon, die Banken und Finanzmarktakteure bändigen könnten.« Einig aber sind sich beide Autoren in der Forderung nach der Verstaatlichung der Banken. Benannt sind hier zwei wichtige, offene Fragen im Zusammenhang mit der Analyse und der Suche nach einem Ausweg aus der Krise.

Erwähnenswert ist, daß beide Bücher in einer Sammelrezension der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. Dezember 2008 durchaus anerkennend besprochen wurden. Daß Sahra Wagenknecht zur Krise etwas zu sagen hat, überraschte ganz offensichtlich. Der ihr gewidmete Abschnitt beginnt mit: »Unerwartetes bietet Sahra Wagenknecht.« Ausdrücklich hervorgehoben wird, daß sie kein »kein politisches, sondern ein ökonomisches Buch geschrieben (hat), Wagenknecht erklärt im Detail Strategien von Hedge-Fonds oder die Bedeutung der früheren Euromärkte in London für die deutsche Geldpolitik, und selbstverständlich kennt sie sich auch in der Geschichte der großen Finanzkrisen aus. Ihr Fachwissen ist durchaus beeindruckend (…)«. Diesem Urteil und auch dem offensichtlich zustimmenden Zitat aus dem Buch von Lucas Zeise, »daß (die Finanzkrise) eine neoliberale, vom Finanzmarkt dominierte Phase der Globalisierung beendet«, kann man nur zustimmen.

Sahra Wagenknecht: Wahnsinn mit Methode - Finanzcrash und Weltwirtschaft. Das Neue Berlin, Berlin 2008, 256 Seiten, 14,90 Euro * Lucas Zeise: Ende der Party: Die Explosion im Finanzsektor und die Krise der Weltwirtschaft. Papyrossa Verlag, Köln 2008, 196 Seiten, 14,90 Euro

Andreas Wehr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der linken Fraktion GUE/NGL des Europäischen Parlaments und dort Koordinator im Ausschuß für Wirtschaft und Währung

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