Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

"Ich möchte nicht, dass die linken Parteien immer schwächer werden"

Sahra Wagenknecht im Interview mit Martin Tschechne

30.09.2021

Man soll ja, wenn man über Bücher spricht, nicht die Pointe verraten. Aber Ihrem Buch muss man vielleicht doch eine Warnung vorausschicken: Vorsicht, die Lektüre ist nichts für schreckhafte Leser! Manch einer könnte vor Staunen vom Hocker fallen.

Ich nehm’s als Kompliment. Danke schön.

Es wurden Rufe laut, Sie aus der Partei auszuschließen.

Dummköpfe gibt es in jeder Partei! Ich denke, wir reden hier vom klassischen Markenkern einer linken Politik. Aber genau davon haben sich viele linke Parteien, auch die SPD, weit entfernt. Nehmen Sie nur Gerhard Schröder und die Politik der Agenda 2010: Damit wurde den so genannten kleinen Leuten das Leben deutlich schwerer gemacht. Die Gefahr eines sozialen Absturzes ist heute für Viele ganz real. Es genügt, länger krank zu werden oder seinen Job zu verlieren. Diese Politik hat die soziale Ungleichheit und die Lebensunsicherheit enorm vergrößert.

Sie sprechen bislang nur von der SPD …

Nun ja, da zeigt sich die Fehlentwicklung am deutlichsten. Außerdem bin ich mit einem Mann verheiratet, der daraus Konsequenzen gezogen hat. Dadurch ist einst die Linke entstanden.

Oskar Lafontaine ist aus der SPD ausgetreten und zu den Linken gegangen. Aber gerade die sind es doch, die Sie sich besonders freudig vorknöpfen.

Auch Teile der Linken haben in den letzten Jahren die Bodenhaftung verloren. Links heißt für mich, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen, für sozialen Ausgleich – allerdings immer unter der Voraussetzung eigener Leistung. Eine anzustrebende Gesellschaft ist für mich unbedingt eine Leistungsgesellschaft. Das heißt aber, dass die Perspektiven eines Menschen wirklich von eigener Leistung abhängen, und jeder, der sich anstrengt, auch die Chance auf ein Leben in Wohlstand hat. Leider sind wir davon meilenweit entfernt!

Das Statistische Bundesamt hat Zahlen veröffentlicht, denen zufolge reiche Eltern dreimal mehr Geld für ihre Kinder ausgeben als arme. Ist es das, was Sie meinen?

Damit fängt es an. Ein Kind aus armen Verhältnissen hat heute viel schlechtere Bildungsmöglichkeiten als eines aus reichen. Und sehen Sie, wie viele mies bezahlte Jobs es gibt: Da können die Leute jeden Tag schuften und kommen doch nie auf einen grünen Zweig. Vielfach betrifft das außerordentlich wichtige und verantwortungsvolle Tätigkeiten, denken Sie an die Pflegeberufe. Für mich ist es links, sich für echte Chancengleichheit und gute Löhne einzusetzen. Aber ganz sicher ist es nicht links, Menschen zu bevormunden und auf sie herabzusehen. Sie zu belehren, wie sie zu reden, zu denken und zu leben haben. Diese selbsternannten Tugendwächter haben das Label „links“ diskreditiert.

Zum vollständigen Interview

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