Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

"Ich wünsche mir eine Regierung, die für mehr sozialen Ausgleich sorgt"

Sahra Wagenknecht im Interview mit der NOZ

12.05.2021

Frau Wagenknecht, Ihr neues Buch „Die Selbstgerechten“ ist zum Beststeller geworden. Haben Sie das Gefühl, eine fruchtbare Debatte auszulösen? Oder überwiegt die Konfrontation?

 

Mir schreiben viele Menschen, dass ich Ihnen aus der Seele spreche. Sie wünschen sich eine Politik, die endlich wieder für mehr Zusammenhalt sorgt, auch für mehr soziale Sicherheit. Sie wollen nicht in einer entfesselten Marktgesellschaft leben, in der selbst Krankenhäuser Profit machen müssen, sondern wünschen sich wieder mehr Gemeinsinn und Wir-Gefühl. Das aber wird nicht nur von rechts konterkariert, sondern auch durch eine linksliberale Identitätspolitik, die das Trennende in den Vordergrund stellt und nur wertschätzt, was von der Mehrheit abweicht.

Sie reiben sich schon seit Jahren an jenen, die Sie die "Lifestyle-Linken“ nennen. Was genau sind die schlechten Eigenschaften dieser Leute?

Es geht um die Arroganz und Überheblichkeit, mit der relativ gut situierte, meist akademisch gebildete Leute ihre Werte und ihren Lebensstil zum Muster progressiven Lebens verklären und anderen, oft deutlich weniger privilegierten Menschen vorzuschreiben suchen, wie sie zu leben, zu reden und zu denken haben. Hinzu kommt eine große Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, die dieses Milieu kennzeichnet. Weil solche Debatten unter dem Label „links“ geführt werden, diskreditieren sie linke Politik.

Linksliberale und Lifestyle-Linke haben Ihrer Einschätzung nach kein Verständnis für die Lebensprobleme und die Weltsicht „normaler Leute“. Welche Interessen und Sorgen müssen die Linken stärker in den Fokus nehmen?

Linke Parteien sind dafür da, diejenigen zu vertreten, die es schwerer haben, denen Bildungs- und Aufstiegschancen vorenthalten werden, die zu den Verlierern von Neoliberalismus und Globalisierung gehören und unter Abstiegsängsten, Niedriglöhnen oder schlechten Renten leiden. Für diese Menschen da zu sein, ist für mich das Uranliegen linker Politik. Der Lifestyle-Linke vertritt dagegen ein relativ privilegiertes Milieu, er hat im Grunde die Seiten gewechselt.

Löhne und Renten müssten also im Mittelpunkt stehen, und weniger Themen wie eine gendergerechte Sprache…

Ja, wir haben riesige soziale Probleme - jetzt noch einmal verschärft durch die Corona-Krise. Viele Menschen leben in beengten Wohnverhältnissen und haben Jobs, für die es kein Homeoffice gibt. Es ist doch kein Zufall, dass das Virus am stärksten in den ärmeren Wohnvierteln wütet. Aber statt diese Menschen am Arbeitsplatz besser zu schützen, beschließt man Ausgangssperren und macht Gastronomie und Einzelhandel dicht. Wichtiges Thema bleibt zudem das Problem der Altersarmut. Da geht es nicht nur um Menschen, die schon ihr Leben lang unter Armut gelitten haben: Auch Durchschnittsverdiener machen sich große Sorgen, wovon sie im Alter leben können.

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