Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

„Politik ist nie Glück“

Interview mit Sahra Wagenknecht, erschienen in der WELT am 16.11.2019

16.11.2019
Welt: Frau Wagenknecht, Sie verlassen nun die erste Reihe der Politik. Wie groß ist Ihre Furcht, in ein Loch zu fallen?
 
Sahra Wagenknecht: Diese Furcht habe ich gar nicht. Ich bleibe ja im Bundestag. Ich habe nun viel mehr Zeit, Dinge zu tun, die mir wichtig sind. Ich werde wieder mehr Bücher lesen. Ich werde wieder mehr publizieren. Ich denke auch an ein Buchprojekt. Endlich muss ich nicht mehr so viel Kraft in Dinge investieren, die mich nur aufgerieben haben.
 
Was bedeutet dieser Abschied für Sie?
 
Wagenknecht: Ich verabschiede mich vom Amt der Fraktionsvorsitzenden, wo ich mich immer wieder mit internen Angriffen und unschönen Auseinandersetzungen beschäftigen musste. Politik heißt für mich, öffentlich für meine Ideen zu werben, für eine gerechtere Gesellschaft, in der es mehr sozialen Zusammenhalt und nicht nur Konkurrenzdenken und Egoismus gibt. Um gute Vorschläge einzubringen, braucht man Anregungen und Zeit zum Nachdenken. In den letzten Jahren bin ich nur noch von Termin zu Termin gehetzt. Da kommt am Ende auch keine kreative Politik mehr raus.
 
Was bedeutet Freiheit für Sie?
 
Wagenknecht: Freiheit ist die Möglichkeit, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, seine Fähigkeiten zu entwickeln und sich selbst treu zu bleiben.
 
Was ist für Sie die höchste Form des Glücks?
 
Wagenknecht: Politik ist nie Glück. Natürlich freut man sich, wenn man einen politischen Erfolg erzielt. Aber glücklich machen kann nur eine große Liebe und enge Partnerschaft, die einen auffängt und trägt, egal was sonst passiert.
 
Wie narzisstisch sind Sie?
 
Wagenknecht: Einem echten Narziss fehlt die Empathie für andere Menschen. Aber gerade diejenigen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, waren und sind für mich der Grund, mich politisch zu engagieren. Ich finde es unerträglich, wie gespalten unsere Gesellschaft ist und wie Viele heute trotz harter Arbeit keinen soliden Wohlstand mehr erreichen. Wenn ich nur an mich gedacht hätte, wäre ich vermutlich nie in die Politik gegangen.
 
Muss man als Politiker nicht grundsätzlich Narzisst sein? Warum tut man sich sonst diese Marathon-Stundentage an? Außerdem gehört zum Narzissmus auch, der Wunsch geliebt zu werden.
 
Wagenknecht: Es gibt Politiker, die es genießen, wenn sie einen Saal in Wallung bringen. Mir ist das fremd. Natürlich freue ich mich, wenn ich Menschen Hoffnung geben kann, wenn ich merke, dass sie bei einer Rede mitgehen. Aber für mich brauche ich das nicht, ich bin viel lieber abends zuhause als auf einer Bühne.
 
Fühlen Sie so etwas wie Macht, wenn Sie wahrnehmen, dass Sie das Publikum gepackt haben?
 
Wagenknecht: Ich habe meine Reden nie so aufgebaut, dass ich versuche, einen Rausch zu erzeugen. Ich möchte in erster Linie die Köpfe erreichen und dann erst den Bauch.
 
Sie wirkten auf mich bei Großauftritten immer sonderbar: einerseits dazu in der Lage, das Publikum gefangen zu nehmen, andererseits aber distanziert und in sich gekehrt. Trügt der Eindruck?
 
Wagenknecht: Distanziert möchte ich nicht wirken, aber eine gewisse Scheu ist immer da, auch nach Hunderten von Auftritten.
 
Gab es auch Momente, in denen Sie Angst vor dem Publikum hatten? Ihnen ist ja einmal eine Torte ins Gesicht geflogen. Es gab auch Morddrohungen.
 
Wagenknecht: Ja, nach der Tortenattacke hatte ich zunächst Probleme, von vielen Menschen eng umringt zu werden. Das mag lächerlich klingen, die Torte hat mich ja nicht verletzt. Aber sie hat mir gezeigt, dass ich verletzbar wäre, wenn es jemand darauf anlegt.
 
Sie kommen eher als herber, auch kühler Mensch herüber. Woran liegt das? 
 
Wagenknecht: Viele Menschen erleben mich vor allem in Talkshows. Die Talkshow aber ist ein Kampfplatz: Man wird angegriffen, verteidigt sich, greift selbst an. Da verhält man sich natürlich anders als auf einer entspannten Gartenparty. Mir haben viele, die mich irgendwann privat kennenlernten, gesagt, dass sie überrascht waren, weil sie ein ganz anderes Bild von mir hatten.
 
Worüber können Sie aus ganzem Herzen heraus lachen?
 
Wagenknecht: Ach, über die blödesten Sachen! Manchmal gucken wir uns zu Hause misslungene Politiker-Auftritte an, Sie glauben nicht, wie lustig das sein kann. Auch über gutes Kabarett oder Satire lache ich natürlich. Und manchmal über mich selbst.
 
Sie sind vor einigen Monaten an Burnout erkrankt. Sollte man Burnout nicht treffender als eine „Erschöpfungsdepression“ bezeichnen?
 
Wagenknecht: Ja, ich war völlig erschöpft und ausgebrannt. Trotzdem hatte ich wahrscheinlich noch Glück. Es war keine tiefe Depression und so kam ich auch relativ schnell wieder auf die Beine.
 
Darf ein Spitzenpolitiker Schwäche zeigen? Einerseits wird von ihm Authentizität verlangt, andererseits wird eine Schwäche gnadenlos aufgespießt.
 
Wagenknecht: Je höher man in der Politik steht, desto schwerer ist es, Schwäche zu zeigen. Als Frau Merkel im Sommer bei drei Auftritten zitterte, fing eine völlig überzogene Debatte an: „Kann sie noch Bundeskanzlerin sein?“. Diese Art des öffentlichen Umgangs führt dazu, dass viele Politiker Schwächen zu verbergen suchen.
 
Wer hat wen mehr verändert: Sahra Wagenknecht die Bundesrepublik oder die Bundesrepublik Sahra Wagenknecht?
 
Wagenknecht: Naja, vermutlich doch die Bundesrepublik Sahra Wagenknecht. Ich lebe ja mein gesamtes erwachsenes Leben hier und meine geistige Entwicklung hat im wesentlichen nach 1990 stattgefunden. Die Ideen des Ordoliberalismus, um nur ein Beispiel zu nennen, haben mein Denken stark beeinflusst. Es wäre ja auch schlimm, wenn ich mit 50 alles noch genauso sehen würde wie als Zwanzigjährige.
 
Inwieweit ist der Frust, zu wenig erreicht zu haben, auch ein Grund für Ihren Abschied?
 
Wagenknecht: Ich habe mir natürlich gewünscht, mehr bewegen zu können. Daher kam auch die Idee, „Aufstehen“ zu gründen. Es ist doch ein Elend: In der Bevölkerung gibt es klare Mehrheiten für eine sozialere Politik, für weniger Ungleichheit. Aber die Parteien, die für diese Ziele stehen sollten, taumeln von einer Wahlniederlage zur nächsten. Außer in Bremen und Thüringen war dieses Wahljahr für die Linke ein Desaster und über die SPD müssen wir nicht reden. „Aufstehen“ wäre für beide Parteien eine Chance gewesen, aber sie wurde ausgeschlagen. Aktuell sind rot-rote Mehrheiten so fern wie lange nicht. Mein Rückzug heißt aber nicht, dass ich meine politischen Ziele aufgebe. Wir brauchen dringend eine andere Politik, nicht nur sozial, auch wirtschaftlich. Der Irrglaube, dass der Markt alles richtet, hat Deutschland technologisch zurückfallen lassen. Bei der Digitalisierung oder grünen Technologien sind wir völlig abgeschlagen. Das gefährdet unseren Wohlstand.
 
Sie sind vor Jahren ins Saarland gezogen. Inwieweit hat dieser Umstand Ihre Sicht auf die Dinge verändert?
 
Wagenknecht: Ich bin in einem thüringischen Dorf aufgewachsen und habe eigentlich nie gern in der Großstadt gelebt. Deswegen fühle ich mich in meinem kleinen Dorf im Saarland sehr wohl. Ich denke, die politische Debatte krankt daran, dass viel zu sehr von der Großstadt aus gedacht wird, weil die meisten Journalisten und viele Politiker aus diesem Milieu kommen. Vom kernsanierten Altbau in Berlin-Mitte aus kann man souverän das Auto oder die Ölheizung verdammen. Im ländlichen Raum oder auch in der Kleinstadt sieht das Leben anders aus. In Berlin gibt es auch kaum Industriejobs, aber vielerorts sind das die einzigen, die noch einen guten Wohlstand ermöglichen. Es gibt zu viel politische Ignoranz gegenüber solchen Interessen, nicht nur bei den Grünen, inzwischen auch bei der CDU.
 
Was bedeutet Ihnen Freundschaft? Gibt es Freundschaft im Leben eines Vollzeitpolitikers?
 
Wagenknecht: Freundschaft heißt für mich, absolutes Vertrauen und Verlässlichkeit, heißt, sich öffnen können. Deshalb gibt es das kaum innerhalb der Politik, sondern eher mit Nicht-Politikern.
 
Wenn es kaum absolutes Vertrauen in der Politik gibt, wie wichtig ist dann für die Psyche eines Politikers eine Partnerschaft oder Ehe?
 
Wagenknecht: Für mich ist das existenziell. Ich hätte die vergangenen vier Jahre nicht durchgestanden, wenn mir der Rückhalt zuhause gefehlt hätte. Wahrscheinlich gibt es Politiker, die nur für die Politik leben und für die der Scheinwerfer und der Beifall den Partner ersetzen. Ich könnte so nicht leben. 
 
Was war für Sie die größte Kränkung, die Sie als Politikerin erlebt haben?
 
Wagenknecht: Die Fotos mit dem von der Torte braun verschmierten Gesicht. Und die Diffamierung als Rassistin und Nationalistin.
 
Und umgekehrt: Gibt es einen Moment, von dem Sie sagen: Hier habe ich jemanden bewusst oder unbewusst weh getan?
 
Wagenknecht: Bewusst nicht. Unbewusst habe ich sicher manchmal Menschen verletzt. Jeder wünscht sich Anerkennung, und ich habe mich oft nicht ausreichend in andere hineinversetzt.
 
Inwieweit trägt die Ermüdung am Machtspiel zu Ihrem Abschied bei?
 
Wagenknecht: Ohne die internen Attacken wären die letzten Jahre bei weitem nicht so aufreibend gewesen. Den anstrengenden Wahlkampf 2017 etwa habe ich ganz gut verkraftet. Aber ständige Wadenbeißereien zermürben irgendwann.
 
Gehen Frauen anders als Männer mit der Macht und Machtintrigen um?
 
Wagenknecht: Es gibt Machtfrauen, die ähnlich brutal vorgehen wie viele Männer. Hillary Clinton fällt mir da ein, oder Maggie Thatcher. Frau Merkel hat einen anderen Stil, aber auch sie ist natürlich eine geschickte Machtpolitikerin. Irgendwann waren ihre innerparteilichen Konkurrenten alle weg. Letztlich ist der politische Stil keine Frage des Geschlechts. Denken Sie an Willy Brandt. Er war ganz sicher nicht der klassische Machtpolitiker.
 
Was bedeutet es, als Frau Politikerin zu sein?
 
Wagenknecht: In der Politik hat man es als Frau heute nicht unbedingt schwerer. Allerdings steht man mehr unter Beobachtung, was Äußerlichkeiten angeht. Wenn ich zu oft das gleiche Kostüm trage, bekomme ich Mails: „Ziehen Sie sich doch endlich mal was anderes an!“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bei Männern auch so ist.
 
Was hätte politisch geschehen müssen, um Sie in der aktiven Politik zu halten?
 
Wagenknecht: Wenn ich ausreichend Rückhalt bekommen und man mir die Freiheit gegeben hätte, mich auf das zu konzentrieren, was ich gut kann, wäre es für mich natürlich leichter gewesen. Ich bin kein guter Netzwerker, nicht jemand, der alle umarmt oder sich nachts ans Telefon hängt, um am nächsten Morgen die nötigen Unterstützerstimmen zu erhalten. Vielleicht muss das ein Fraktionsvorsitzender können.
 
Können Sie sich einen Anlass vorstellen, der Sie in die erste Reihe zurückführt?
 
Wagenknecht: Man sollte nie nie sagen, aber gegenwärtig bin ich froh, dass ich neue Freiräume habe und erst mal ein ruhigeres Leben führen kann.

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