Sahra Wagenknecht
DIE LINKE

"Ich war ziemlich ausgebrannt"

Interview mit Sahra Wagenknecht, erschienen im SPIEGEL 12/2019

20.03.2019

Sahra Wagenknecht, 49, über ihre Entscheidung, sich aus der Spitzenpolitik zurückzuziehen, über die Zukunft der Partei und ihre Beziehung zu Oskar Lafontaine

SPIEGEL: Frau Wagenknecht, Sie haben angekündigt, nicht mehr als Fraktionsvorsitzende der Linken zu kandidieren. Zuvor haben Sie sich von der Spitze der Sammlungsbewegung »Aufstehen« zurückgezogen. Was ist passiert?


Wagenknecht: Ich habe seit Längerem gemerkt, dass ich so nicht mehr weitermachen kann. Ich stehe jetzt seit Jahren unter Dauerstress. Im Ergebnis hatte ich immer wieder gesundheitliche Probleme. Jetzt bin ich über längere Zeit ausgefallen, das war ein Warnschuss, den ich einfach ernst nehmen musste. Ich brauche eine neue Balance.


SPIEGEL: Sie waren zwei Monate lang krank. Geht es Ihnen wieder gut?


Wagenknecht: Ich bin weitgehend wiederhergestellt. Mir ist diese Entscheidung auch wirklich nicht leicht-gefallen. Ich weiß, dass ich dadurch viele meiner Unterstützer enttäusche, während meine Gegner sich freuen. Aber letztlich: Ich bleibe ja ein politischer Mensch. Und sich völlig aufzureiben bringt am Ende auch nichts. Deshalb bin ich mit mir im Reinen und habe seit der Entscheidung das Gefühl, dass eine zentnerschwere Last von mir abgefallen ist. Ich denke, ich kann in einer anderen Rolle vielleicht sogar mehr bewegen.


SPIEGEL: Wann haben Sie die Entscheidung getroffen?


Wagenknecht: Während der zwei Monate, als ich zu Hause war. Da bin ich zum ersten Mal seit Langem wieder zur Ruhe gekommen und hatte Zeit nachzudenken, Bilanz zu ziehen. Ich bin in den letzten Jahren nur noch von Termin zu Termin gehetzt, von einer Herausforderung zur nächsten, von Konflikt zu Konflikt. Ich kam nicht mehr zum Innehalten.


SPIEGEL: Hatten Sie eine Art Burn-out?


Wagenknecht: Ich war ziemlich ausgebrannt, ja. Jeder Mensch hat nur einen bestimmten Kraftvorrat, wenn der allmählich aufgebraucht ist, funktioniert man zwar immer noch, aber man entwickelt keine neuen Ideen mehr, keine Leidenschaft, und irgendwann geht die große Vision im ernüchternden Tagesgeschäft unter. Ich hatte in den letzten Jahren kaum noch Zeit, Bücher und spannende Artikel zu lesen, so verliert man Substanz. Man wiederholt Dinge, die man schon hundertmal gesagt hat. Als ich jetzt krank war, habe ich unglaublich viel gelesen und gemerkt, wie sehr ich das vermisst habe. Wenn man in diesem Dauerstress lebt, merkt man gar nicht mehr, was einem fehlt.


SPIEGEL: Manche Ihrer Fraktionskollegen sprechen von Mobbing gegen Ihre Person. Hat Ihr Rückzug auch mit den Angriffen auf Sie zu tun, den ewigen Machtkämpfen zwischen Ihnen und der Parteispitze?


Wagenknecht: Es macht keine Freude, wenn man immer wieder aus den eigenen Reihen angegriffen wird. Das stimmt natürlich. Interne Konflikte rauben Kraft und Zeit, die dann für die eigentliche politische Arbeit nicht mehr zur Verfügung stehen. Das gibt es natürlich in allen Parteien, und jeder Spitzenpolitiker hat damit zu tun. Aber es ist nicht produktiv und zermürbt. Jetzt war es einfach so, dass ich auch physisch nicht mehr konnte.


SPIEGEL: Das könnte ja damit zusammenhängen.


Wagenknecht: Ja, es gibt positiven und negativen Stress. Ein Wahlkampf mit vielen Terminen ist anstren-gend, aber ich kann Menschen erreichen, etwas bewirken und bekomme auch immer so viele nette und positi-ve Rückmeldungen, dass die Arbeit Freude macht. Diese Art von Stress war für mich eigentlich kein Problem. Auch dass ich im Bundestag als Oppositionspolitikerin vom politischen Gegner hart angegriffen werde, stört mich nicht. Das muss man aushalten, sonst sollte man nicht in die Politik gehen. Selbst mit Hassmails und Drohungen kann ich umgehen. Aber es gab eben auch diesen anderen, negativen Stress. Unterstellungen, Lügen, Häme. Und immer wieder interne Konflikte, die zu moderieren, auszugleichen waren. Wobei ich, wie ge-sagt, immer auch sehr viel Unterstützung erfahren habe.


SPIEGEL: In Ihrem Leben haben Sie oft eine Außenseiterrolle gehabt. Sie haben polarisiert und standen im Gegenwind. Dabei wirkten Sie kühl, als würde alles an Ihnen abprallen. Wie anstrengend war das in Wirklichkeit?


Wagenknecht: Lange habe ich es geschafft, immer ruhig zu bleiben, wenn ich angegriffen wurde. Doch in den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass meine Nerven angegriffen waren. Ich war nicht mehr so gelassen.


SPIEGEL: Gab es Dinge, die Sie wirklich verletzt haben?

Wagenknecht: Die gibt es immer, etwa die wiederkehrende Diffamierung, ich würde nationalistische, wo-möglich gar rassistische Positionen vertreten. Ich sei AfD-nah. Bei solchen Anwürfen hört jede seriöse Debatte auf.


SPIEGEL: Sind Sie gescheitert?


Wagenknecht: Ich habe bisher politisch nicht erreicht, was ich erreichen wollte. Es gibt keine sozialere Po-litik in Deutschland, der Neoliberalismus bestimmt unverändert die Agenda, die Ungleichheit wächst. Aber wenn das ein Scheitern ist, dann sicher nicht nur von mir persönlich. Ich habe auf verschiedenen Ebenen ver-sucht, aus der politischen Sackgasse auszubrechen, in der das linke Lager sich in Deutschland befindet. »Auf-stehen« ist der jüngste dieser Versuche. In Zukunft werde ich mehr Zeit haben, Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Ich bin nicht verbittert, sondern erleichtert, dass ich bestimmte Dinge dann nicht mehr machen muss. Aber ich bleibe ein engagierter und politischer Mensch. Sicherlich hätte ich gern noch stärker darauf hinge-wirkt, dass die gesellschaftliche Linke stark genug wird, aus der Regierung das Leben der Menschen wirklich verbessern zu können.


SPIEGEL: Hat Ihr Rückzug auch damit zu tun, dass Ihre Person und Ihre Forderungen in der Fraktion nicht mehr so viel Rückhalt hatten?


Wagenknecht: Es gibt in der Fraktion keine Mehrheit gegen mich. Zwar wurden im Herbst die Medien immer wieder mit Gerüchten gefüttert, man plane einen Putsch oder einen Abwahlantrag. Aber es hat beides nie gegeben.


SPIEGEL: Hat die von Ihnen als »neoliberal« bezeichnete, sogenannte progressive Linke nun gewonnen?


Wagenknecht: Die neoliberale Linke gewinnt nicht, weil sich die Menschen, die früher einmal sozialdemokratisch gewählt haben, enttäuscht von ihr abwenden. Deshalb gibt es ja die paradoxe Situation, dass wir in Deutschland Mehrheiten haben, die sich einen höheren Mindestlohn, bessere Renten und mehr soziale Sicherheit wünschen. Aber die Parteien des im weitesten Sinne linken Lagers sind trotzdem weit von einer Mehrheit entfernt, weil sie nicht mehr glaubwürdig für soziale Veränderung stehen.


SPIEGEL: Sie haben sich mit Ihrer strategischen Ausrichtung in Ihrer eigenen Partei nicht durchsetzen kön-nen. Ist die Linke auf dem Holzweg?


Wagenknecht: Auch die Partei Die Linke muss sich fragen, warum sie so wenige von den Wählern erreicht, die sich von der SPD abgewandt haben: die abstiegsgefährdete Mittelschicht und die Ärmeren, Menschen, deren Lebensstandard durch die neoliberale Politik bedroht ist, die sich im Stich gelassen fühlen. Zurzeit erreicht die Linke vor allem junge Studenten und ein akademisch geprägtes, großstädtisches Milieu. Es ist schön, dass wir in dem Bereich gute Resonanz haben, aber ich halte es für fahrlässig, sich darauf zu fokussieren. Wer die Rechtsentwicklung stoppen will, muss die klassisch sozialdemokratische Wählerschaft erreichen, Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen, Gewerkschafter und die Millionen, die heute in prekären Arbeitsverhältnissen für niedrige Löhne schuften müssen. Eine glaubwürdige soziale Linke, die deren Interessen ernst nimmt, kann sie zurückgewinnen. Eine identitätspolitische Kulturlinke nicht.


SPIEGEL: Was erwarten Sie von den Wahlen im Osten in diesem Jahr?


Wagenknecht: Die werden für die Linke nicht einfach. Ich werde selbst auch Veranstaltungen machen, aber unsere Ansprache ist seit Jahren nicht auf die Wählergruppen jenseits der akademischen Milieus zugeschnitten. Wähler gewinnt man nicht, indem man sie belehrt, sondern indem man ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst nimmt.


SPIEGEL: Gibt es eine funktionierende Strategie, um die Abwanderung dieser Menschen nach rechts zu ver-hindern?


Wagenknecht: Ich glaube, dass man diese Menschen wieder erreichen kann, wenn man ihnen ein glaub-würdiges Angebot macht. Aber dafür muss man ihre berechtigte Unzufriedenheit mit der Politik der letzten Jahre aufgreifen. Angesichts der geringen sozialen Mobilität, der herkunftsbedingten Bildungsschranken ist es zum Beispiel ein Hohn, von einer »offenen Gesellschaft« zu reden. Und die konzerngesteuerte Globalisierung ist natürlich kein Freiheitsgewinn, sondern eine soziale Katastrophe.


SPIEGEL: »Aufstehen« sollte ja ein solches Angebot sein. Ihrer linken Sammlungsbewegung wurde allerdings von Anfang an mit Spott und Ablehnung begegnet, sowohl von Linken als auch von Grünen und Sozialdemokraten. Hat Sie das enttäuscht?


Wagenknecht: Ja, das hat mich enttäuscht. Ich fand es auch einfach dumm. Klar, die Grünen gehen gerade ihren Weg in Richtung Union, und es läuft gut für sie. Aber bei der SPD sieht es anders aus. Trotzdem hat sie das Projekt von Anfang an bekämpft. Sie ignoriert die Tatsache, dass sich das linke Lager in einer ziemlichen

Sackgasse befindet, aus der »Aufstehen« mit seiner enormen Resonanz ein Ausweg hätte sein können: damit man wieder Politik gestalten kann, anstatt unter einer CDU-Kanzlerin zu verschmoren.


SPIEGEL: Vielleicht waren Sie und Oskar Lafontaine einfach nicht die Richtigen, um eine Sammlungsbewe-gung zu gründen. Man hat eher befürchtet, Sie würden die Linke weiter spalten.


Wagenknecht: Es haben sich innerhalb weniger Wochen 170 000 Menschen bei »Aufstehen« registriert. Überwiegend Parteilose, die genau aus dem Milieu kommen, das weder SPD noch Linke derzeit erreichen. Nach meiner Überzeugung wäre »Aufstehen« eine wirkliche Chance gewesen, eine neue, gemeinsame Strate-gie zu entwickeln und Schwung zu nehmen, um neue Mehrheiten zu schaffen. Das war unser Anliegen. Wenn wir das linke Lager weiter hätten spalten wollen, hätten wir eine wählbare Partei gründen können. Das wäre der einfachere Weg gewesen.


SPIEGEL: Sie sprechen von »Aufstehen« in der Vergangenheitsform. Ist »Aufstehen« tot?


Wagenknecht: Ganz sicher nicht. »Aufstehen« ist sehr lebendig und wird jetzt von vielen Tausend Basisaktivisten gestaltet. Ich habe mich aus der Leitung zurückgezogen, aber ich werde die Bewegung natürlich weiter unterstützen.


SPIEGEL: Haben Sie sich mit »Aufstehen« schlicht überschätzt?
Wagenknecht: Ich habe nicht darauf gesetzt, dass die Parteien sich öffnen, weil sie mich so sympathisch finden, sondern weil »Aufstehen« ein Projekt ist, das sehr viel Resonanz hat. Ich habe eine große Aufbruchs-stimmung erlebt.


SPIEGEL: Der große Erfolg blieb aber aus.


Wagenknecht: Weil die Parteien sich eingemauert haben. Mein Fehler war, dass ich es für einfacher gehalten habe, die Unzufriedenen auch auf die Straße zu bringen. Offensichtlich ist das schwerer als in den groß-städtischen Milieus, die die großen Demonstrationen der vergangenen Jahre getragen haben. Wir haben es mit Menschen zu tun, die in ihrem Leben immer wieder enttäuscht worden sind. Das heißt nicht, dass sie nicht demonstrieren würden, aber sie brauchen einen konkreten Anlass. In Frankreich gab es diesen Auslöser für die Gelbwesten-Proteste. Deutschland ist in einer anderen Situation, wir haben eine Bundesregierung, die es wahrscheinlich nicht mehr lange gibt und die nichts als lähmenden Stillstand verkörpert. Es gibt eher eine allgemeine Unzufriedenheit.


SPIEGEL: Mancher hofft, dass es ohne Sie mehr Chancen auf ein rot-rot-grünes Regierungsbündnis gibt.


Wagenknecht: Zurzeit scheitert ein rot-rot-grünes Bündnis vor allem daran, dass es keine Mehrheit dafür gibt. Ob sich das durch meinen Rückzug ändert, wird man sehen. Natürlich habe ich mir in der Zeit meiner Krankheit auch überlegt, was ich in diesen Zeiten erreichen kann. Gäbe es jetzt eine konkrete Chance auf eine andere Mehrheit, eine linke Regierung, wäre das tatsächlich eine andere Motivation.


SPIEGEL: Wenn man so lange krank ist, verschieben sich dann auch die Wertigkeiten im Leben, wird das Private wichtiger?


Wagenknecht: Sicher, man kann Zeit nicht zurückholen. Das hat mich schon lange bewegt. Man weiß nie, wie viel Zeit einem zusammen bleibt. Das ist bei allen Paaren so, aber wenn es einen großen Altersunterschied gibt, dann stellen sich solche Fragen drängender.


SPIEGEL: Hat Ihre Beziehung Ihnen geholfen, schnell wieder gesund zu werden?


Wagenknecht: Mein Privatleben hat mir in den letzten Jahren viel Kraft und Rückhalt gegeben. Das war auch jetzt so. Eine glückliche Beziehung kann man sich für kein Geld der Welt kaufen. Auf der anderen Seite hätte ich mich nicht für den Rückzug vom Fraktionsvorsitz entschieden, wenn ich fit und gesund wäre. Wenn ich einfach so gesagt hätte, ich habe keine Lust mehr, ich will jetzt einfach ein schönes Leben führen, dann hätte ich mich doch im Spiegel nicht mehr angucken können.

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