Sahra Wagenknecht ist Kommunistin und dabei unverdrossen. Selbst in der
SED-PDS-Nachfolgepartei "Die Linke" steht sie als leitendes Mitglied
der Kommunistischen Plattform eher links außen. Das Establishment fragt
die 39-Jährige dennoch gern für Talkshows und Interviews an, denn Sahra
Wagenknecht weiß sich zu präsentieren. Sie ist klug und attraktiv.
Hochgestecktes Haar, hochgeschlossene Kleidung, ernster Blick; die
Presse schwärmt von "der schönen Kommunistin", und selten fehlt der
Vergleich mit Rosa Luxemburg, an die sie ausweislich alter Fotos
tatsächlich erinnert. Sie ist vor allem aber kenntnisreich, mit einer
für Marktwirtschaftler allerdings schwer verdaulichen Weltsicht: Sahra
Wagenknecht ist Kommunistin, und das aus Überzeugung.
Entsprechend ist sie im politischen Alltag knallhart. Sie kritisiert
den "Schmusekurs" ihrer Partei bei den Regierungsbeteiligungen in den
Ländern, und sie geißelt die von der Linken mitgetragenen Kompromisse
beim Kürzen sozialer Leistungen und bei Privatisierungen. Nicht
weniger, sondern mehr Staat, und zwar massiv mehr Staat, lautet ihre
Devise. Schlüsselindustrien gehören in die öffentliche Hand, und auch
das ganze Finanzgewerbe - jetzt erst recht. Wagenknecht will die
kapitalistischen Produktionsverhältnisse überwinden und träumt von
einer anderen Gesellschaft. Sie erklärt sich solidarisch mit dem
kubanischen Staatschef Fidel Castro und dem venezolanischen
Staatspräsidenten Hugo Chávez und lehnt jede Form von Anti-Kommunismus
ab.
1992 nannte Wagenknecht die Mauer ein "notwendiges Übel" und meinte
damals, die DDR sei "ein besserer Staat als die BRD" gewesen - ohne
dass sie heute das alte Regime zurückhaben will. Auf die Frage, mit wem
sie lieber über Wirtschaftspolitik streiten wolle; mit
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann oder mit SPD-Bundesfinanzminister
Peer Steinbrück, sagt sie spitz: "Natürlich mit Herrn Ackermann."
Warum? "Weil das spannender wäre, als mit seinem Handlanger zu reden."
Diese Frau hat nun ein Buch über die Finanzkrise geschrieben, und sie
schickt es auch schon mal "natürlichen Gegnern" mit der Bitte um
Beachtung. Wer sich auf das Wagnis einlässt, wird nicht enttäuscht. Ein
überzeugter Marktwirtschaftler wird allerdings nicht die
Schlussfolgerungen des Buches teilen ("Der Kapitalismus muss überwunden
werden"). Auch halten viele vorgebliche Tatsachenbehauptungen der
Realität nicht stand ("Es gab selten ein System, das so wenige
Profiteure und so viele Verlierer hatte wie der heutige Kapitalismus").
Schon gar nicht muss man den Wagenknecht"schen Verschwörungstheorien
folgen ("Bush hat sich 1999 in den USA an die Macht geputscht") - und
darf dennoch anerkennen, dass die Autorin eine kluge Beschreibung der
Finanzkrise vorgelegt hat.
Wagenknecht beschreibt die Abläufe präzise, besticht durch Fachwissen,
und häufig gelingen ihr allgemeinverständliche Erklärungen für
komplizierte Vorgänge auf dem Finanzmarkt. Das Buch Wahnsinn mit
Methode ist nicht in erster Linie ein politisches Manifest, sondern vor
allem eine interessante ökonomische Analyse. Dass sich daraus andere
politische Konsequenzen ergeben als bei der herrschenden ökonomischen
Meinung, kann bei einer bekennenden Kommunistin nicht verwundern.
Erschreckend ist eher, dass manche ihrer Forderungen vom
wirtschaftspolitischen Alltag und den Äußerungen maßgeblicher Politiker
selbst der Regierungsparteien gar nicht mehr so weit voneinander
entfernt sind - obwohl doch nicht die Linke regiert, sondern eine große
Koalition, die sich tagein, tagaus auf den liberalen Ordnungspolitiker
Ludwig Erhard beruft.
Marc Beise