Nun hat auch Sahra Wagenknecht eine Analyse der Finanzkrise
veröffentlicht. Ihre These: Die Misere auf den globalen Finanzmärkten
war und ist Teil der kapitalistischen Ökonomie. Ein Ausweg biete nur
die Überwindung des Kapitalismus selbst.
Die Finanzkrise reißt die internationale Wirtschaft in eine Rezession.
Ein Anstieg von Arbeitslosigkeit und Verarmung wird mittlerweile von
Ökonomen aller politischen Couleur prognostiziert. Dabei ist der
gegenwärtige Finanzirrsinn an den internationalen Börsen nichts
Ungewöhnliches, seine ökonomischen Auswirkungen diesmal nur
außerordentlich heftig. Finanz- und Wirtschaftskrisen zählen seit jeher
zu den Charakteristika des kapitalistischen Herrschaftssystems, meint
Sahra Wagenknecht, Abgeordnete des Europaparlaments und
Vorstandsmitglied der LINKEN, in ihrem neuen Buch »Wahnsinn mit Methode
– Finanzcrash und Weltwirtschaft«.
Mit dieser Meinung schließt Wagenknecht nahtlos an die Analysen von
Marx und Engels an. Diese erkannten den Zyklus von Auf- und Abschwung
im Kapitalismus als ein gesetzmäßiges Phänomen. Ebenso sei nach
Wagenknecht die Spekulation Teil dieses Systems. Die Politikerin
benennt mit der niederländischen Tulpenmanie von 1636 eine Krise des
feudalistischen Kapitalismus, die bereits typische Merkmale einer
Spekulationsblase aufzeigt. Tulpenzwiebeln waren zu damaliger Zeit ein
begehrtes Spekulationsobjekt. Immer mehr Händler investierten in
Tulpen, verschuldeten sich und der Wert der Blumen stieg unaufhaltsam.
»Einige größere Spekulanten verkauften ihre Tulpendepots, die Preise
hörten auf zu steigen und die plötzliche grassierende Angst vor einem
Preisverfall führte dazu, dass immer mehr Zwiebeln auf den Markt
geworfen wurden. Weil alle verkauften, aber niemand mehr kaufen wollte,
stürzten die Preise ins Nichts.« Ein Großteil der Händler war ruiniert.
Ein ähnliches Muster zeigte die »New-Economy«-Krise (auch:
»dot.com-Blase« genannt) um die Jahrtausendwende. Spekulationsobjekt
waren Aktien von Computer-, Kommunikations- und Medienfirmen.
Unmittelbarer Auslöser der aktuellen Finanzkrise waren dagegen
Wertpapiere, in denen US-amerikanische Hypothekenkredite gebündelt
wurden. Bei allen Finanzblasen spielten Kredite die zentrale Rolle,
»denn immer wurde die Nachfrage im Verlauf der Blase durch Kredite
aufgebläht (...) und sie platzten, sobald dieser Wachstumsmotor zu
stottern begann«.
Detailliert schildert Wagenknecht die Krise des Immobilienmarktes,
ausgelöst durch himmlische Kreditangebote der Privatbanken, und
berichtet von den erschreckenden Konsequenzen. 2007 kamen 2,2 Millionen
Häuser unter den Hammer, »Tendenz steigend«. Im Juni 2008 waren es
schon 8000 Eigenheime pro Tag. Da in den USA kaum nennenswerte
sozialstaatliche Einrichtungen existieren, stürzten viele ehemalige
Hausbesitzer regelrecht ab: »In Wahrheit stehen die Betroffenen am Ende
meist noch sehr viel ärmer und verzweifelter da als vor ihrem Ausflug
in die Welt der Eigenheimbesitzer«, schreibt Wagenknecht. Ein enormer
Schuldenberg drücke die US-Konsumenten, beinahe alles sei auf Pump
finanziert. Die gesamten Kreditkartenschulden der amerikanischen
Haushalte betrügen knapp eine Billion US-Dollar. »Eine Familie, die im
Jahr 40 000 Dollar verdiente, hatte damit durchschnittlich 50 000
Dollar Schulden am Hals und allein Zinszahlungen von vielleicht 400
Dollar im Monat.«
Die Autorin plädiert für die Überführung der Finanzwirtschaft in
öffentliches Eigentum unter strenger demokratischer Kontrolle. Ein
öffentliches Bankensystem bräuchte klare Vorgaben, die es auf
gemeinwohlorientiertes statt renditefixiertes Wirtschaften und eine
gemeinnützige Gewinnverwendung festlegen. Dadurch wären Konten zu guten
Konditionen auch für Einkommensärmere möglich, könnten kleinere
Unternehmen zinsgünstige Kredite erhalten und Ersparnisse der
regionalen Entwicklung zugeleitet anstatt in komplexen Derivaten
verzockt werden.
Ein Neuanfang sei ausschließlich durch die Überwindung des
kapitalistischen Wirtschaftssystems möglich. Dieser verlange die
demokratisch kontrollierte Entwertung der Vermögens- und Schuldenblase
in einer Form, die die »oberen Zehntausend«, aber nicht die große
Mehrheit der Menschen trifft, so Wagenknecht. Mit Bezug auf die
materialistische Geschichtsauffassung von Marx folgert sie: »In der
Geschichte entsteht immer Neues. Es muss nur genügend Menschen und
ausreichend starke politische Kräfte geben, die dieses Neue wollen und
für seine Durchsetzung kämpfen.«
Sahra Wagenknecht: »Wahnsinn mit Methode – Finanzcrash und
Weltwirtschaft«, Verlag Das Neue Berlin, 2008, 254 Seiten, 14,90 Euro.