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Sahra Wagenknecht


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04.10.2011

"Wer Sozialkompetenz hat, hat auch Ostkompetenz" - Sahra Wagenknecht über Zustand der Linken

Interview mit Sahra Wagenknecht, erschienen in der Leipziger Volkszeitung am 04.10.2011

Interview: Dieter Wonka

Frage: Wann haben Sie aufgehört, für den Kommunismus zu kämpfen?

Sahra Wagenknecht: Das kommt darauf an, was Sie unter Kommunismus verstehen. Für das, was man in der Bundesrepublik gemeinhin unter Kommunismus versteht, nämlich ein zurück zur DDR, habe ich nie gekämpft.

Mit 20 haben Sie die Mauer für ein notwendiges Übel gehalten. Mit 40 werden Sie von Börsen-Managern gelobt. Was vertreten Sie dann mit 60?

Wer mit Anfang 40 noch genau das gleiche vertritt wie mit 20, muss ziemlich lernresistent sein. Die ganzen Zitate, die mir immer wieder vorgehalten werden, stammen meist alle aus einem einzigen Artikel aus dem Jahr 1993. Den habe ich mit 23 Jahren geschrieben. Wenn man andere Politiker permanent mit dem konfrontieren würde, was sie mit 23 Jahren gesagt haben, dann sähe so mancher ziemlich seltsam aus. Fragen Sie doch mal bei Jürgen Trittin oder Angela Merkel nach. Menschen entwickeln sich. Das, was ich damals vertreten habe, vertrete ich so nicht mehr. Deswegen werden Sie auch solche Äußerungen von mir schon seit langem nicht mehr finden.

Käme es zu raschen Neuwahlen, wäre dann nicht der Saarländer Oskar Lafontaine, der das mit dem Finanzmarkt schon immer gewusst hat, der richtige Spitzenkandidat, zusammen mit Gysi?

Das müssen die Betroffenen erst einmal selbst entscheiden. Aber ich denke schon, dass so eine Konstellation von der übergroßen Mehrheit der Linken gewünscht würde. Oskar Lafontaine steht einfach für den größten Wahlerfolg, den wir je als Linke erreicht haben. So ein Ergebnis wieder zu kriegen, ist ein enormer Anspruch. Wir müssen unser Personal so aufstellen, dass die Linke gestärkt und nicht geschwächt in den nächsten Bundestag kommt. Aber das sind jetzt alles Sandkastenspiele.

Ist die Linke zu sehr angepasst?

Das Problem ist nicht, dass wir uns angepasst haben. Das Problem ist, dass wir zu vielstimmig geworden sind. Unser Kurs des Erfolges von 2009 wird von einzelnen allerdings sehr lautstarken Funktionären unserer Partei immer wieder in Frage gestellt. Dadurch ist öffentlich ein diffuses Bild entstanden, man weiß nicht mehr so genau, wofür steht eigentlich die Linke. Der Parteiprogrammentwurf entspricht in seinen Positionen weitgehend dem Erfolgskurs von 2009. Wir hatten mit der Bundestagswahl auch im Osten die besten Ergebnisse. Die Leute wollen nicht, dass man immer wieder sagt, Osten, Osten, Osten, sondern es geht um die soziale Frage. Wer soziale Kompetenz hat, der hat auch Ostkompetenz.

Wollen Sie, dass Klaus Ernst und Gesine Lötzsch weitermachen?

Ich finde, dass man zusammenstehen muss. Dieser Führung wurde wirklich vom ersten Tag an, auch aus den eigenen Reihen, das Leben verdammt schwer gemacht. Beide wurden immer wieder aus den eigenen Reihen heraus demontiert. Wäre Angela Merkel das aus der CDU heraus passiert, wäre die schon längst weg als Vorsitzende. Ob jemand fähig oder unfähig ist, misst sich bei mir nicht daran, ob vier oder fünf Leute aus der Partei, es sind ja auch immer die gleichen Namen, immer wieder öffentlich erzählen, dass sie diese Führung nicht wollen. Natürlich müssen wir dann eine Führungsdiskussion führen, wenn eine Neuwahl ansteht. Das ist im Juni 2012 der Fall. Dann wird es natürlich auch die Möglichkeit geben für andere Kandidaturen.

Gibt es irgendwann einmal das Regierungsmitglied Sahra Wagenknecht?

So was wäre nur denkbar, wenn wir mit Partnern eine Politik machen können, die tatsächlich unseren Ansprüchen genügt. Ich werde mit Sicherheit nie, weder in der Opposition noch in der Regierung, für eine Politik zur Verfügung stehen, die alles das verrät, wofür ich angetreten bin. Ich wünsche mir Gegenbewegungen viel größeren Ausmaßes, als wir sie bisher haben. Und ich wünsche mir, dass mit dem Druck solcher Gegenbewegungen dann auch Wahlergebnisse zustande kommen, die tatsächlich eine Konstellation bieten für eine antikapitalistische Regierungspolitik. Aber dafür müssen sich SPD und Grüne fundamental ändern oder es müssten neue Parteien entstehen. Das wird man ja sehen.



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