Oliver Kröning
Sahra Wagenknecht, Freiheit statt Kapitalismus. „Freiheit statt
Sozialismus“, propagierte die CDU im Wahlkampf 1976 und stellte
absurderweise damit SPD und FDP auf eine Stufe mit SED und KPdSU. Sahra
Wagenknecht dreht diesen Spieß nun um und sagt „Freiheit statt
Kapitalismus“. So lautet der Titel ihres neuen Buches, in dem sie an das
Versprechen Ludwig Erhards erinnert, der „Wohlstand für alle“ forderte.
Dieses Versprechen ist, so Wagenknecht, in den letzten 30 Jahren
gebrochen worden. Sie anerkennt die Errungenschaften der sozialen
Marktwirtschaft der 50er, 60er und 70er-Jahre in der Bundesrepublik
Deutschland. In dieser Zeit wuchs in der Tat der Wohlstand für weite
Teile der Bevölkerung. Seit Anfang der 80er-Jahre aber, etwa mit der
Machtübernahme von Thatcher in Großbritannien und Reagan in den USA ist
die vormalige Entwicklung wieder rückläufig. Seitdem geht es nur noch
für die Besserverdienenden weiter aufwärts; für alle anderen gibt es
maximal eine Stagnation.
In der ersten Hälfte ihres Buches führt Wagenknecht an, dass der
Kapitalismus mittlerweile unproduktiv sei. Mit einem Markt im
eigentlichen Sinne habe unser Wirtschaftssystem nichts mehr zu tun. Es
gehe eben nicht mehr um Angebot und Nachfrage, sondern nur noch um
einige wenige kapitalkräftige Großakteure, vor allem den führenden
Investmentbanken, die dem Rest der Welt ihre Bedingungen aufzwingen.
Wobei auch das Wort „Investmentbank“ eine Täuschung sei: denn die so
genannten Investmentbanken investieren nicht langfristig in Unternehmen,
sondern wollen nur kurzfristig möglichst große Gewinne herausholen. Und
die Autorin führt auf, wie sehr der Lobbyismus heutzutage Einfluss auf
die Politik nimmt, die gar nicht mehr rational entscheiden, sondern
lediglich dem folgen kann, was das Großkapital vorgibt.
Im zweiten Teil ihres Buches führt Wagenknecht mögliche
Lösungsvorschläge an, die sie unter der Überschrift „Kreativer
Sozialismus“ präsentiert. So wäre vor allem die Streichung sämtlicher
Altschulden der EU-Staaten mit Ausnahme der von Kleinanlegern gehaltenen
Titel notwendig, um einen Neuanfang möglich zu machen. Große
Finanzunternehmen müssten verstaatlicht werden. Verstaatlichung – darauf
weist Wagenknecht hin – bedeutet nicht notwendigerweise defizitäre
Bilanzen. Die Bundespost oder Renault haben als staatliche Unternehmen
stets mit Gewinn abgeschlossen. Vor allem müsse der Finanzsektor auf
seine Aufgabe als Diener der Realwirtschaft zurückgefahren werden. Zudem
könne Chancengleichheit nur hergestellt werden, wenn Erbschaften auf
eine Millionen Euro begrenzt werden. Dann bestünde die Chance, Erhards
Versprechen vom Wohlstand für alle zu realisieren. Und genau das fordert
die Autorin ein.
Das Buch ist sehr kenntnisreich geschrieben. Wagenknecht hat die
unterschiedlichen Wirtschaftskonzepte von Keynes, Friedman und anderen
nicht nur gelesen, sondern offensichtlich auch verstanden. Auch wertet
sie zahlreiche, teils wenig bekannte Statistiken aus, die erschreckende
Zahlen aufweisen. Dass das Volumen der globalen Finanztransaktionen
heute mehr als 70-mal höher ist als die reale Wirtschaftsleistung der
gesamten Welt, verdeutlicht, wie sehr unser System aus Luft besteht.
Wagenknecht gelingt somit eine treffende Analyse unserer
Wirtschaftsordnung und zeigt haargenau, was vor allem in den letzten 30
Jahren schief gelaufen ist. Ob ihre Vorschläge, dies zu ändern aber
realisierbar sind, ist eine ganz andere Frage. Denn eines kann auch
Sahra Wagenknecht nicht beantworten: warum eigentlich lässt die große
Mehrheit der Menschheit sich von einer kleinen Minderheit demütigen und
gibt sich mit ein paar Krümeln vom großen Kuchen zufrieden?
Sahra Wagenknecht, Freiheit statt Kapitalismus
Sachbuch
Eichborn, 2011
ISBN 3-8218-6546-1
19,95 Euro